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Das neue Amsterdamer Viertel "IJburg"Auf Sand gebautVon Claudia SchuhWie vielen alten Städten fehlt es Amsterdam an Wohnraum. Östlich vor der Stadt, im IJmeer, entstehen deshalb sieben künstlich aufgeschüttete Inseln. „IJburg“ heißt das neue Viertel auf dem Wasser, in dem bald rund 50 000 Menschen leben sollen. Kritiker halten das Wohnkonzept aber bereits jetzt für gescheitert.
Foto: www.ijburg.nl
Wo Toine Heijmans neues Zuhause liegt, fuhren noch vor zehn Jahren Schiffe. Auf älteren Stadtplänen suchen Fremde vergeblich Heijmans Straße, die Zwanebloomlaan. Wen wunderts: Erst in den vergangenen Jahren sind sieben Insel künstlich aus dem IJmeer gewachsen. Zusammen bilden sie das neue Vietel Amsterdamer-IJburg. Auf einer davon, der Rieteilanden, ist Toine mit seiner Familie zu Hause. Er war einer von den Ersten, die 2003 die Koffer packten und Neuland betraten. Noch sind erst drei der Inseln bewohnt. Die Restlichen sollen bis 2015 fertig sein. Dann leben auf den Eilanden fast 50 000 Menschen. Im Moment stolpert man dort, wo gerade eine Kleinstadt heranwächst, aber noch öfters über Bauschutt als über Bewohner. Mehr Kräne und Bagger als fertige Häuserzeilen stehen entlang der neuen Straßen. Rohbauten enthüllen vielfach ihr modernes Gehäuse. Aus der Mondlandschaft, versprechen Bauherren und Plakate, wird bald eine architektonisch anspruchsvolle Backstein- und Holzhäuser-Welt. Holländer und Allochtone wohnen dann Tür an Tür. Und viel Raum für Kinder soll es geben. Spielplätze. Der Diemerpark, ein Naherholungsgebiet mit Sportplatz, ist fast fertig. Gerade die kinderfreundliche Umgebung zog Familienvater Heijmans in das neue Viertel. Und den Wunsch, mehr Platz zu haben als in der übervollen Amsterdamer Innenstadt, ließ sich der Vater von drei kleinen Kindern einiges kosten: 345 000 Euro für eine 167 Quadratmeterwohnung, mit Garten, Balkon und Parkplatz vor der Tür. Heijmans ist Journalist der niederländischen Tageszeitung "de Volkskrant". Weil er sich ständig gegenüber Kollegen verteidigen musste, dass er „da raus zieht, in dieses künstliche Welt“, hat er seine Insel-Erfahrungen in einem Buch gesammelt. La Vie Vinex ist seit wenigen Tagen auf Niederländisch auf dem Markt und eine Liebeserklärung an das neue Fleckchen Amsterdam und die Menschen, die dort Pioniere sind. Sie begründen vielleicht eine neue Ära des Wohnens. Vielleicht aber auch nicht. IJburg ist ein Viertel, das Vinex (Vierde Nota Ruimtelijke Ordening Extra) genannt wird. Es steht für moderne Neubaugebiete, wie sie seit den 90ern im ganzen Land verstreut aufkommen. Nicht jeder Amsterdamer möchte sich damit anfreunden. In der Stadt habe doch noch jeder was gefunden, grummelt mancher. Dass Holland auf dem Meer expandiert, ist eigentlich nicht neu. Neuland-Eroberungen auf friedlichem Wege, darin versteht sich das neben Malta am dichtesten besiedelte EU-Land eigentlich ziemlich gut. Almere, 20 Kilometer von Amsterdam in der Neuprovinz Flevoland gelegen, ist ein jüngeres Beispiel, wie Holländer dem Meer mühsam Land abtrotzen. In IJburg haben sich die Niederlande diesmal nicht unter, sondern über dem Meeresspiegel ausgebreitet. Das ist neu. Land wird nicht eingepoldert, sondern Sand wird abgesaugt. Und Sandschicht für Sandschicht zu Inseln aufgeschüttet. Nach einem Jahr ist der Sand soweit abgesackt, dass darauf gebaut werden kann. „Pfannkuchenmethode“ nennen Fachleute das Prinzip, wenn Wasser allmählich verdrängt wird. Auf dem IJmeer entsteht dadurch immerhin eine beachtliche Fläche von 450 Hektar Bauland. Und die hat Amsterdam auch dringend nötig. Die Stadt platzt aus allen Nähten. Wohnraum ist, wie in vielen Großstädten, rar geworden. Und für viele unbezahlbar. Bauland aus dem Wasser zu gewinnen ist kein Schnäppchen. Amsterdam hat aber keine andere Wahl. Wer sich dem neuen Areal nähern will, kann nur einen Weg nehmen. Den über die weiße Enneüs-Heerma-Brücke, die mit ihren schlanken Bögen IJburg mit dem Amsterdamer Festland verbindet. Dem Besucher erscheint das neue Gesicht der Stadt noch blass. Bäume sind kaum zu sehen. Und die wenigen, die kürzlich Königin Beatrix am nationalen Baumpflanztag setzte, sind eher spärliche grüne Flecken in einem braun-grauen Mondlandschaft. An Strand und Küstenpromenade stehen noch Rohbauten und leere Flächen. Und doch, inmitten dieser Großbaustelle, ist es da, dieses Holland-Gefühl: Durch Grachten, die auch die künstlichen Inseln durchziehen. Die Hausboote, die vor vielen Gartentüren hinter dem Haus liegen. Wassernahes Wohnen – das wollen Holländer gerade auf Inseln nicht missen. Die zentrale Achse des neuen Viertels, die gut ein Kilometer lange IJburglaan, ist relativ fertig. Auch hier stehen noch Geschäftsräume leer, viele Te-koop-Schilder kleben an Scheiben. Menschen sitzen hinter den Häusern im Garten und blicken aufs Wasser. Ruhig ist es hier, wie auf dem Land. Die Kirchtürme von Amsterdam sind von Weitem zu erahnen. Ruhe und Strandnähe am Rande der Stadt, das schätzen Bewohner wie Toine. Innovativ sollte das Konzept sein, das hinter dem neuen Viertel steckt: teure Eigentumswohnungen und moderne Grachtenhäuser zu vermischen mit Sozialwohnungen oder einfachen Reihenhäusern. Die Steigerinsel ist dabei ein Experiment: Hier darf jeder nach persönlichen Vorstellungen bauen, ohne Einmischung der Baubehörde. Ein Novum für Holland. Der Haveninsel verpassen die Stadtentwickler ein bewusst städtisches Image. Hier darf bis zu acht Stockwerke hoch gebaut werden. Luxuswohnungen entstehen, ebenso Restaurants, Schulen, hypermoderne Bürogebäude neben Sozialwohnungen. Weg wollen die Amsterdamer von der einseitigen Bebauungen früherer Jahrzehnte, die viele Problemviertel bis hin zu Ghettos entstehen ließ. Pakistaner, Türken, Frauen in Burkas und Yuppies sollten hier eigentlich Nachbarn werden. Doch vier Jahre nach Bezug der ersten Wohnungen äußern sich Bewohner in niederländischen Zeitungen, dass die soziokulturellen Unterschiede auch hier ans Licht kommen - und man sehr wohl sehen kann, wer wo wohnt. Tina Lupi, Stadtsoziologin an der Universität von Amsterdam, hat in den vergangenen Jahren für ihre Promotion mit Dutzenden Bewohnern immer wieder gesprochen. Das Resultat ihrer Forschung: IJburg ist schließlich doch zu einem echten Amsterdamer Viertel geworden, mit all seinen Problemen. Auch in der IJburglaan müssen Bewohner inzwischen ihr Fahrrad mit einer dicken Motorradkette vor Diebstahl sichern. Was ebenfalls nicht alle Experten begeistert: Architekturkritiker bemängeln die Eintönigkeit des Neubaugebiets. Vieles, was gut angedacht war, wurde letztendlich doch nicht realisiert. Die Idee, ein Neubaugebiet im IJmeer hochzuziehen, geht auf das Jahr 1965 zurück. Wassernah wohnen war das Ziel. Rem Koolhaas hatte Anfang der 90er Jahre nahe gelegt, das Stadtgebiet zum IJ-Ufer hin zu verlagern. Nicht jeder war begeistert. Ein Referendum legte nahe, ein Naturschutzgebiet anzulegen. 1995 fasste der Stadtrat dann den Jahrhundertbeschluss. Keine Londoner Docklands wollen die Amsterdamer haben, mit spektakulären Megaprojekten, Jachthafen, Fast-Food-Läden und Piers für Massentourismus. Eher ein schichtenübergreifendes Zusammenleben, Arbeiten und Konsumieren sollte geschaffen werden. Inmitten schöner Architektur. Mit dem Bau begonnen wurde 1999. Städteplaner aus aller Welt kommen zu Besuch. Kopenhagen plant sogar, das Konzept für seinen Hafen zu übernehmen. Inzwischen wohnen 5500 Menschen in IJburg, 48 Prozent davon sind Eltern mit Kindern. Damit übersteigt die Anzahl Familien im neuen Viertel bei Weitem die Zahl in der Amsterdamer Innenstadt, wo sie bei 25 Prozent liegt. Die Wohnungen in IJburg sind damit gerade bei jungen Menschen wie Toine Heijmans stark nachgefragt. Wenn er abends aus der Redaktion kommt und mit seinem Fahrrad über die IJburg-Brücke auf seine künstliche Insel fährt, dann lässt er in zwanzig Minuten die Großstadt zurück. Weitere Infos unter www.ijburg.nl
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