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Interview mit Sung-Hyung Cho

"Die haben gemerkt, dass ich ihnen gern zuhöre"

Von Johannes Gernert

Ihr Film "Full Metal Village" hat schon etliche Preise gewonnen, bevor er jetzt in die Kinos kommt. Ein Gespräch mit Sung-Hyung Cho über Angeber-Bauern, Riesen-Mais und Heavy Metal.

Er ist ein ziemlicher Angeber, sagt sie: Bauer Trede mit Sung-Hyung Cho.

Sie leben seit 17 Jahren in Hessen, oft auch in kleineren Gemeinden. Haben Sie da jemals ein Heavy-Metal-Konzert besucht, in einem Jugendzentrum etwa?
Nein. Da, wo ich wohne, das ist in Eschbach, so etwa 35 Kilometer von Frankfurt entfernt, da gibt es so etwas auch gar nicht. Das ist eher so ein Rückzugsgebiet für Rentner.

Sie sind auch kein Metal-Fan?
Als ich klein war und noch in Südkorea gelebt habe, hat mein Bruder mir manchmal solche Platten vorgespielt. Der hatte da einige. Judas Priest und solche Sachen. Aber das ist lange her.

Sie haben in der FAZ ein Foto gesehen. Von Metalern und einer biederen Kassiererin im Supermarkt von Wacken. Die schienen miteinander auszukommen, warum hat Sie das so gewundert?
Weil ich es anders gewohnt war. Die Deutschen schienen mir ganz anders zu sein, viel verschlossener. Die mussten immer erst eine ganze Menge Bier trinken, bis sie ein bisschen lockerer geworden sind. Ganz unabhängig davon, wo ich sie getroffen habe. Egal ob in Hessen oder in Berlin. Und diese Dorfbewohner hatten offenbar überhaupt kein Problem damit, dass jedes Jahr zehntausende Menschen bei ihnen in Wacken einfallen, um ein Festival zu feiern.

In ihrem Film geht es um das Zusammentreffen von Menschen aus zwei verschiedenen Kulturen: Heavy Metal Fans und die Bewohner eines 1800-Seelen-Dorfs. Was trifft da aufeinander?
Diese Kulturen haben im Grunde sehr viel gemeinsam. Die Leute aus dem Dorf haben viele Traditionen, sie engagieren sich in Vereinen. Eigentlich ist da jeder in irgendeinem Verein. Gemeinschaft ist ihnen sehr wichtig. Und das ist bei den Metal-Fans ganz ähnlich.

Fremdeln die Dorfbewohner gar nicht mit den Horden von schwarzgekleideten, weiß geschminkten Langhaarigen.
Es gibt nur ganz wenige, für die das ein Problem ist. In meinem Film sieht man zwei Omas, die haben Angst vor den Satanisten, weil die in ihren Liedern singen, dass Christus sterben muss und solche Sachen. Die haben sich mit der Szene aber nie beschäftigt, die wissen nicht, dass das vor allem eine riesige Show ist. Der Pfarrer von Wacken hat sich damit auseinandergesetzt. Der weiß das und sieht es deshalb ganz gelassen.

Sie sind nicht in Deutschland geboren. Was für eine Rolle hat das beim Drehen gespielt?

Ich war für die Leute dort wie ein weißes Blatt, das erst beschrieben werden musste. Ich kannte so vieles gar nicht. Wie man Kartoffeln aus dem Boden zieht. So viele Sachen über Kühe, die ich gar nicht wusste. Das alles war für mich ungeheuer spannend. Die haben gemerkt, dass ich ihnen sehr gerne zuhöre. Für ihre Freunde und Bekannten ist das ja alles ganz normal. Denen brauchen sie davon nichts zu erzählen. Aber ich war immer ganz fasziniert, es war so viel Neues für mich dabei. Deshalb haben sie sich mir dann auch sehr stark geöffnet irgendwann.

Sie sind sehr präsent. War das von Anfang an so gedacht?
Das hat sich eher ergeben, weil die Leute immer mit mir gesprochen haben und mich angesehen haben. Da haben wir irgendwann beschlossen, dass ich ruhig auch in dem Film auftreten kann.

Als Südkoreanerin, wie kommen die Leute Ihnen vor?
Ungeheuer weltoffen, fröhlich, herzlich.

Hat das Wacken Open Air die Dorfbewohner weltoffener gemacht? Brauchen wir in Deutschland immer irgendwelche Feste, um ein bisschen entspannter zu werden, bei der WM ging's dann ja auch?
Das kann schon sein, dass sich die Wackener der Sache im Laufe der Jahre geöffnet haben. Ich habe das ja nur zwei Jahre beobachtet. Aber wahrscheinlich haben sie mit der Zeit gemerkt, dass das überhaupt nicht schlimm ist. Außerdem kennt die ganze Welt jetzt den Namen ihres Dorfes und das macht sie natürlich stolz.

Oder passiert das, weil die Ausländer Geld bringen?

Das ist Quatsch. Nur am Geld liegt es natürlich nicht. Die WM war ja auch kein tolles Fest, nur weil da viel eingenommen wurde.

Bei sich zuhause in Hessen, haben Sie nicht so gute Erfahrungen mit der Landbevölkerung gemacht. Trotzdem: Würde man auch dort diese Toleranz finden, wenn man lange genug zuhört? Würde man sie vielleicht sogar überall in Deutschland finden?
Das würde ich gar nicht ausschließen. Aber in meinem Dorf ist die Distanz viel zu groß. Ich halte mich ein bisschen von den Leuten fern.

Der keuchhustende Bauer Trede etwa sagt manchmal ganz beachtliche Dinge: Man brauche mindestens zwei Geliebte im Alter, um seine Frau zu „schonen“. Hat er die wirklich?

Der Bauer Trede ist ein ziemlicher Angeber. Das sieht man im Film ja auch. Wenn er ganz stolz seinen riesigen, langen Mais präsentiert oder wenn er mit seinem BMW Motorrad vorfährt. Ich weiß nicht, ob er eine Geliebte hat.

Und warum erzählt er so etwas vor der Kamera? War ihm das bewusst?
Natürlich. Das ist der einzige Medienprofi von denen allen. Der gibt dem NDR jedes Jahr ein dreiminütiges Interview, weil er beim Wacken Open Air der Chef der Ordner ist. Die Bauern aus dem Dorf vermieten ja ihre Äcker als Zeltplätze und zum Parken für die Autos. Der Bauer Trede hat also Erfahrung mit Medien. Und selbst wenn er fragt: Ist die Kamera jetzt an? Dann spielt er damit. Dem ist völlig klar, dass die läuft.

Wie hat denn seine Frau auf die Geschichte mit der Geliebten reagiert?
Als sie den Film auf der Berlinale gesehen hat, hat sie am lautesten von allen gelacht an dieser Stelle. Und dann hat sie zu ihrem Mann gesagt: Du hättest Deine Geliebte ja nach Berlin mitbringen können. Die beiden necken sich immer. Aber sie lieben sich auch. Das ist eine ziemlich große Liebe.

Der Film behandelt ohnehin fast nur solche großen Themen. Liebe, Tod, Vertreibung. War das der Plan von Anfang an?
Überhaupt nicht. Ich habe vor Drehbeginn eineinhalb Jahre nur recherchiert. Und wenn ich zu Interviews gegangen bin, hatte ich keinen Zettel dabei, wo Fragen darauf standen zu Liebe oder solchen Sachen. Das hat sich aus der Situation ergeben.

Sie zeigen eine ganz eigene Geschichte. Die Veranstalter, wie der in Metaler-Kreisen bekannte Wacken-Holger, tauchen gar nicht auf.

Ja,ja. Und Wacken-Thomas auch nicht und die anderen. Die machen das jetzt seit über zehn Jahren. Das sind auch Medienprofis. Die überlegen sich ganz genau, was sie erzählen und was nicht. Außerdem geht es mir gar nicht um Information. Deren Geschichte kann man auch im Internet nachlesen. Als Dokumentarfilmerin interessieren mich Emotionen. Knackpunkte im Leben, wo sich etwas ganz grundsätzlich verändert hat.

Deshalb erzählen Sie die Geschichte von Norbert, ein Mitbegründer, der zu Beginn, als das Festival noch recht klein war die Dixie-Klos ausgeleert hat und später ausstieg, weil ihm das finanziell zu brenzlig wurde. Heute ist er arbeitslos und verbringt viel Zeit mit dem Schrauben an seinem Motorrad.
Ja. Aber er ist nicht verbittert. Er freut sich trotzdem auf das Festival. Und wenn man ihn fragt, sagt er natürlich: Ich bedauere die Entscheidung. Schließlich verdienen die anderen heute sehr viel Geld mit dem Wacken Open Air. Aber das kennen wir doch alle: Man zweifelt, zögert, entscheidet sich gegen irgendwas und bereut es irgendwann.

Wie nah waren Sie dran am Schlammcatchen und Dreckcampen?
Ich habe das dort schon miterlebt. Und ich habe auch mal selbst ein anderes Festival besucht, um mich darauf vorzubereiten.

Aber die Bands interessieren Sie nicht, dann schon eher die Fans?
Das ist doch auch beeindruckend, wie sie mitsingen mit verzerrten Gesichtern. Bei den Bands auf der Bühne ist enorm viel Energie und die überträgt sich auf die Fans, die dann richtig ausflippen.

Kriegen die Dorfbewohner von der Energie auch etwas ab?
Naja, mit der Musik haben die eigentlich nicht so viel zu tun. Die kümmern sich eher um das Umfeld. Musikalisch sind die Fans und die Leute aus Wacken nur am Abend vorm Festival zusammen, wenn die Blaskapelle spielt. Dann machen sie gemeinsam eine Polonaise.

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Die neuesten Kommentare


Hans | 30.12.07 13:53 Uhr

"Außerdem geht es mir gar nicht um Information. Deren Geschichte kann man auch im Internet nachlesen. Als Dokumentarfilmerin interessieren mich Emotionen. "

Kein Wunder, dass Dokus nicht ernst genommen werden...



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