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: "Wir sind zuständig für mehr Humanität"
Interview mit Roberto Ciulli"Wir sind zuständig für mehr Humanität"Von Annette KiehlEs ist ein kleines Haus, doch weit anerkannt für seine künstlerisch anspruchsvollen Inszenierungen. In dieser Spielzeit feiert das Theater an der Ruhr 25-jähriges Jubiläum. Der künstlerische Leiter und Regisseur Roberto Ciulli gilt als einer der profiliertesten und engagiertesten Theatermacher. Annette Kiehl sprach mit ihm über Bühnenarbeit ohne Events und Inszenierungen in Krisengebieten.
Roberto Ciulli. Foto: Robert Schatton
Zum Jubiläum fordern Sie dazu auf, sich an morgen zu erinnern, also Erinnerungen für die Zukunft zu interpretieren. Was bedeutet das für Sie und das Theater an der Ruhr? Roberto Ciulli: Das Theater an der Ruhr ist entstanden mit dem Anspruch, ein an der künstlerischen Arbeit orientiertes Modell zu entwickeln als Alternative zu den herkömmlichen, verwaltungsorientierten Theaterinstitutionen. Dieser Anspruch gilt heute noch mehr als früher. Heute wird die Entwicklung des Theaters von den so genannten Events, von Großfestivals bestimmt. Theater wird zum Marketingprodukt, bei dem das Spektakuläre vor den Inhalten steht. Eine Rückentwicklung des Theaters zum Ort der Repräsentation. Dieses Event-Theater ist von der Wirtschaft entdeckt worden. Als die Kultur vor einigen Jahren als ein wichtiger Standortfaktor erkannt worden ist, haben wir erwartet, dass größere Investitionen von Seiten der Wirtschaft in das Theater fließen würden. Leider ist das nicht eingetreten. Aber Ihr Sommerfestival, die „Weißen Nächte“, wird doch gesponsert. Ja, wir hatten das Glück Sponsoren zu finden, die sich kontinuierlich, über Jahre, für ein niederschwelliges Angebot an die Bürger der Stadt engagieren. Das ist jedoch die Ausnahme. Der gewöhnliche Sponsor will ein Event, will etwas punktuell machen. Dadurch sind Institutionen entstanden, die das Ziel haben, das Publikum zu locken, indem man sagt: es ist in, dort zu sein. Die alltägliche, inhaltliche Kulturarbeit wird durch dieses Phänomen erschwert. Für die Theater in der Region wird es immer schwieriger mit der Marketingmaschinerie der Event-Produzenten mitzuhalten. Das Theater an der Ruhr hat sich im vergangenen Jahr selbst an der Ruhr Triennale beteiligt. Das war sehr wichtig, ja. Aber andere Produktionen der Triennale enden nach sechs Aufführungen. Unsere Produktion „Doña Rosita“ lebt sieben, acht, neun oder zehn Jahre und wird in ganz Deutschland, und weltweit gespielt. Ereignisse wie die Triennale sind widersprüchlich. Die temporäre Bespielung der Industriedenkmäler mit internationalem Qualitätstheater kann wichtig sein für den Wandel in der Region. Andererseits geht von diesen Spektakeln ein gewisser Verblendungseffekt aus, der zum Abbau von Kultur führen kann. Die Schere in unserer Gesellschaft, die sich immer weiter öffnet und den Unterschied zwischen Armen und Reichen deutlich macht, bildet sich hier auch in der Kultur ab. Hartz-4-Empfänger haben im Theater an der Ruhr freien Eintritt – wird dieses Angebot angenommen? Das hat uns zunächst politische Sympathien gebracht. Alle Kulturinstitutionen einschließlich der Festivals sollten dieses Angebot machen, um zu verhindern, dass die Desintegration von weiten Teilen der Bevölkerung weiter voranschreitet. Es ist sehr gefährlich, immer teurere Events für privilegierte Menschen bieten und immer weniger und qualitativ schwächere Veranstaltungen für Leute, die nicht mehr bezahlen können. Auch in Ihren Inszenierungen beziehen Sie politisch deutlich Stellung. Was können Sie damit bewirken? Das Theater kann nur in den Köpfen und Herzen der Menschen wirken. Die Gesellschaft selbst zu verändern, da ist das Theater nicht zuständig. Wir sind zuständig für mehr Humanität. Warum sind Sie mit diesem Anliegen nicht an ein Stadttheater gegangen? Die Kompromisse an großen Institutionen, wie einem Stadttheater, sind mir zu groß. Was stört Sie an einem Stadttheater? Das ist das Dogma des Apparats. Es ist unsinnig zu arbeiten, damit ein Apparat lebt. Apparate müssen die kreativen Ziele bedienen, die man an sie stellt. Stadttheater waren damals das Gegenteil. Wie haben 25 Jahre Theater an der Ruhr ihre Einstellung verändert? Wir haben anfangs naiv geglaubt, alles wäre möglich. Und unsere Eröffnungs-Premiere „Lulu“ am 19. November 1981 war ein Skandal. Es war bestimmt eine der besten Aufführungen, die wir je gemacht haben. Und prompt stand ein Intendant von einem großen Theater da, der blind 20 Vorstellungen gekauft hatte, und hat den Vertrag gekündigt. Damit brach der wirtschaftliche Plan zusammen. Die Quadratur des Zirkels, künstlerische Qualität zu schaffen und in viele Städte zu verkaufen, auch in die, die solche Produktionen normalerweise nicht erleben, wird immer schwieriger. Die Städte haben immer weniger Geld für Kultur. Die Kulturangebote werden oberflächlich. Aber das Theater an der Ruhr lebt noch. Der Pendel der Bedeutungslosigkeit, wird wieder in die andere Richtung schlagen. Wie kein anderes deutsches Theater reisen sie mit ihren Stücken in die Länder entlang der Seidenstraße. Wie kam es dazu? In der Anfangszeit waren wir nicht immer und überall akzeptiert. Im sogenannten „Ausland“ haben wir erfahren, dass unsere Aufführungen von einem fremden Publikum teilweise besser verstanden wurden. Das hat sich heute ausgeglichen, aber wir versuchen, eine universelle Theatersprache zu sprechen, dass die Inszenierungen in jedem Land verstanden werden können. Sie haben auch im Iran und Irak gespielt. Ich würde jetzt auch nach Nord-Korea gehen. Mich interessiert es, auf einer Bühne zu spielen und ein Publikum mit der Theaterkunst zu infizieren. Um etwas an Inhalten zu vermitteln, gehe ich auch in die Hölle. Deshalb sind wir auch in der Zeit Saddam Husseins in den Irak gefahren. Und die Leute dort danken uns das noch heute. Würden Sie auch in den USA spielen? Wir haben uns immer mehr Richtung Osten orientiert. Deshalb müsste man eigentlich auch überlegen, ob man nach Westen gehen sollte. Und dann frage ich mich, gehört Amerika jetzt zur Achse des Bösen? Das wäre ein Grund dahin zu gehen. Amerika ist ein Land, dass viel weniger Geld für Kultur ausgibt, als Europa. Vielleicht ist deshalb die katastrophale amerikanische Politik erst möglich. Das wäre also auch ein Grund. Roberto Ciulli, Jahrgang 1935, wurde in Mailand geboren und ist promovierter Philosoph. Seit über 30 Jahren arbeitet er in Deutschland und war, bevor er 1980/81 das Theater an der Ruhr gründete, Schauspieldirektor in Köln. Für sein kulturelles und humanistisches Engagement wurde er vielfach ausgezeichnet Das Theater an der Ruhr ist ein in Deutschland einzigartiges Modell: Es wird zur Hälfte subventioniert, die andere Hälfte des Etats erwirtschaftet das Haus vor allem durch den Verkauf von Vorstellungen im In- und Ausland. Es ist geprägt durch eine hohe Kontinuität im Ensemble und für alle Abteilungen einheitlich geltende Verträge, die - so das Theater - flexibles, kollektives und eigenverantwortliches Arbeiten erlauben. Bekannt wurde das Theater an der Ruhr auch durch Roberto Ciullis internationales Engagement, vor allem in den Ländern entlang der alten Seidenstraße. Im Gegenzug treten in Mülheim internationale Theaterensembles auf. www.theater-an-der-ruhr.de, Tel. 0208 / 5990188
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