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Buchpräsentation zur Eröffnung der neuen Münchner Synagoge

„Jetzt erst werden die Koffer ausgepackt“

Von Claudia Schuh

Das Leben der Münchner Juden rückt aus den Hinterhöfen zurück ins Zentrum der Stadt. Am 9. November 2006 wird die neue Synagoge am Jakobsplatz feierlich eröffnet. Die „Zeitenwende“, von der Oberbürgermeister Christian Ude sprach, gab den Anlass für ein ambitioniertes Buchprojekt: „Jüdisches München. Vom Mittelalter bis zur Gegenwart“. Erstmals ist die bewegte Geschichte der Juden in der Stadt nachzulesen, die unter den Nazis „Hauptstadt der Bewegung“ war.

Auch für Münchner Verhältnisse ist diese Buchpräsentation ungewöhnlich: Auffallend viele namhafte Menschen zeigen sich am Abend des Reformationstags am Lenbachplatz: Politiker (OB Christian Ude, Hans-Jochen Vogel, Münchner Stadträte); Prominente (Charlotte Knobloch, Amelie Fried); Wissenschaftler (vor allem Historiker der Münchner Universität). Selbst der riesige Saal im Künstlerhaus kann nicht alle Interessierte fassen, so dass im Erdgeschoss eine Leinwand die Veranstaltung überträgt. Charlotte Knobloch zeigt sich locker-gelöst, wie selten zuvor. Für die Präsidentin des Zentralrats erfüllt sich ein lebenslanger Wunsch. „Jetzt erst werden die Koffer ausgepackt“, hatte sie vor drei Jahren bei der Grundsteinlegung der Synagoge gesagt. All die Jahre vorher hatte sie noch an ein Weggehen aus Deutschland gedacht. „Niemand von uns wollte in diesem Land bleiben.“

Am symbolträchtigen 9. November bekommen alle Münchner Juden, nicht nur Knobloch, nun einen Grund, hier zu bleiben: Mit einer neuen Synagoge – inmitten der Stadt. Das sei besonders dem Oberbürgermeister Ude zu verdanken, sagt Knobloch. Die Pläne der Stadt sahen zunächst vor, für den architektonisch umstrittenen Neubau, der an den ersten Tempel erinnern soll, Grundstücke außerhalb des Zentrums bereitzustellen.

Was die Laune der Zentralrätin der Juden in Deutschland weiter hebt, ist das vorgestellte Buch, das sie bereits mit Freude gelesen hat: „Jüdisches München. Vom Mittelalter bis zur Gegenwart“. Zahlreiche süddeutsche Zeitungen brachten Vorabdrucke. Erstmals ist darin die Geschichte der Münchner Juden aufgearbeitet. Hamburg, Berlin, Frankfurt – überall gibt es solche Bücher schon. Nur eben in München nicht. Michael Brenner, Lehrstuhlinhaber für jüdische Geschichte und Kultur an der LMU, hat diese Lücke geschlossen. „Die Archive waren größtenteils abgebrannt, deshalb kommt erst jetzt die große Geschichte für München,“ entschuldigt Brenner das späte Erscheinen. Knobloch ist dankbar dafür. „Dieses Buch soll Pflichtlektüre in der 10. Klasse der Gymnasien werden,“ wünscht sie sich. Auch Hans-Joachim Vogel zeigt sich ergriffen. Während seiner Amtszeit als Stadtoberhaupt, von 1960-72, sei die Zeit für eine solche Aufarbeitung noch nicht reif gewesen. Beim Lesen seien viele Erinnerungen wach geworden. Christian Ude erinnert sich an seine Kindheit in München: das Thema Juden wurde totgeschwiegen. Jetzt ist die Zeit überreif für die Aufarbeitung. Noch leben Zeitzeugen, noch können Münchner Juden über Verfolgung, Emigration und Neuanfang berichten. Ein Überlebender ist ins Künstlerhaus gekommen, Uri Siegel, und spricht über sein Kindsein in der „Hauptstadt der Bewegung“. „Judentum definiert sich aber nicht nur über den Holocaust,“ betont Knobloch. Die Geschichte der Juden in München reicht bis ins Mittelalter zurück.

Mit den Anfängen beginnt auch das erste Kapitel des Buches. „München leuchtete bedrohlich“ – nicht nur im November 1938, als Flammen in der Herzog-Rudolph-Straße das Gotteshaus der Juden verschlingen. 1245 brennt zum ersten Mal eine Synagoge in der Stadt. Der Brand löscht daraufhin etwa 300 Jahre jegliches jüdisches Leben aus. Noch im 18. Jahrhundert bleibt die Gemeinde mit 55 Mitgliedern klein, was 1815 die Gründung der israelischen Gemeinde schlagartig ändert. Jetzt kommt es zu einem enormen Zuzug in die Stadt. München löst Fürth als größte bayerische Gemeinde ab. 1861 fällt das diskriminierende Matrikelgesetz, das die Zahl der semitischen Bevölkerung begrenzte. Je größer diese Zahl wurde, desto mehr Antisemiten gab es aber auch. Ein „wirkliches Miteinander“ von Christen und Juden in der Stadt gibt es eigentlich nur um 1900. Lion Feuchtwanger und Kurt Eisner sind Beispiele, wie jüdische Intellektuelle die Stadt prägten. Es bleibt eine Episode.

Ab 1933 beginnt mit Hitlers Aufstieg das dunkelste Kapitel der Stadtgeschichte. Nur 300 Juden in München überleben das NS-Regime; 8500 können sich bis 1942 retten; rund 4000 jüdische Menschen wurden jedoch ab 1941 verschleppt. 12000 Menschen verschwinden aus der Stadt, sie hinterlassen eine „schreckliche Lehrstelle“ (Andreas Heusler). Kurz nach Kriegsende entsteht eine paradoxe Situation: München wird bis 1950 zur „Hauptstadt des Judentums in Europa“. "Displaced persons", also Heimatlose, aus Osteuropa sammeln sich in der bayerischen Metropole. Doch von Normalität kann für die jüdische Bevölkerung in der neuen Bundesrepublik keine Rede sein: Der Brandanschlag auf ein Altenheim (1970) und das Geiseldrama während der Olympischen Spiele (1972) sorgen dafür, dass jüdische Institutionen seitdem Polizeischutz erhalten. Erst in den vergangenen Jahren wird jüdisches Leben sichtbar: Mit Rachel Salamanders jüdischer Buchhandlung, dann mit der Eröffnung eines kleinen jüdischen Museums, jetzt mit der Synagoge ist den Münchnern bewusst: Juden leben mit uns, nicht nur neben uns. Im Zentrum der Stadt, und nicht unsichtbar in den Hinterhöfen. Und diese Erkenntnis verdanken wir diesem Buch.

Richard Bauer und Michael Brenner (Hg.): Jüdisches München. Vom Mittelalter bis zur Gegenwart. Beck Verlag 2006, 287 S., € 19,90.


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