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Moritz von Uslar liest in München

Motherfucking, hoppla, Vögelfantasien

Von Johannes Gernert

Moritz von Uslar, der 100-Fragen-Frager, stellt seinen Roman "Waldstein" im Literaturhaus München vor, wird ein paar Fragen gefragt und klärt die Sache mit dem Popdepp-Schild auf seiner Stirn.

Moritz von Uslar im Literaturhaus München

Vor dem Literaturhaus München steht ein so genannter Popliterat in der Abendsonne. Im Zunamen hat er ein von, zwischenzeitlich war er öffentlich kokainabhängig gewesen. Neben ihm wartet ein Mann in schwarzem Anzug und armeegrüner Cap, ebenfalls ein von im Zunamen. Ein Mann, der sich bereitwillig ein Schild mit der Aufschrift „Popdepp“ auf die Stirn kleben würde, wenn es ihm einer schriebe. Aber die Frage ist durchaus ernst gemeint. Wie sich das Label Popliteratur zu seinem Roman verhalte, möchte die Redakteurin der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung von Moritz von Uslar wissen. „Ich glaube“, sagt von Uslar, „ja, was glaube ich denn eigentlich?“ Er glaubt dann: „Wenn es jemand Popliteratur nennen will, dann soll er es Popliteratur nennen. Das ist mir wurscht.“ Damit ist die unwesentlichste Frage des Abends endlich geklärt.

Moritz von Uslar, der 100-Fragen-Frager, weltklügster Reportage-Interviewer, hat einen Roman geschrieben, mit Namen „Waldstein oder der Tod des Walter Gieseking“. Aus diesem Roman liest er heute im Literaturhaus. Neben ihm die FAS-Redakteurin, hinter ihm: Glasfassade, blauer Abendhimmel, gelbe Theatinerkirche. Er nimmt die Cap zum Lesen ab.

„Waldstein“ ist ein „fulminanter Monolog über die großen Themen – Natur, Großstadt, Liebe, Freundschaft, bürgerliche Ehe, Älterwerden, Gott, Klassik versus Pop und natürlich die Frauen“, informiert die Veranstaltungsankündigung. Ein fulminanter Monolog über, kurz gesagt, nicht viel weniger als alles.

Monolog, findet von Uslar, ist eigentlich kein gutes Wort, weil es nach Ausschluss klingt. „Waldstein“ schließt aber nicht aus, sondern nimmt jeden mit hinein in den Kopf von Walter Gieseking, dem Protagonisten. Mindestens so wichtig wie all die großen Themen, die im Kopf des Journalisten, Autors und Klavierspielers Gieseking verhandelt werden, ist die Art, wie dies geschieht. „Es schubt und saugt“, sagt von Uslar. Es streamt und flowt. „Was ich kann, ist gesprochenes Schreiben.“ Weshalb Gieseking in gesprochener Schreibe denkt. An Männerfreundschaften, seine Freundin und, hoppla, motherfucking Vögelfantasien.

Und während der Held so vor sich hindenkt wird klar: Es ist alles viel zu ok so, wie alles so ist. Das ist das wirklich Üble daran. Wie alles so vor sich hin immer weiter geht, von selbst fast. Hinzu kommt die Sache mit den Frauen.

„Der Mensch kehrt zur Frau zurück, weil er ein Menschmensch ist“, sagt von Uslar, „weil er sich fortpflanzen muss.“ Deshalb kehrt auch Gieseking zurück, nach Trennung, Clubbing, Herumgemännere, Fremdfick, wohl wissend, dass sie sein Unglück ist. Alle kehren immer zurück. Auf dem Flug nach München hat es von Uslar gerade wieder erlebt. Da saß ein Ehepaar, neunzig Jahre alt, neben ihm und hat die ganze Zeit „durchgestritten“. „Was ist los mit euch?“, dachte er. Es ist eben eine Aufgabe, zurückgehen, ertragen, fortpflanzen. Das alte Ehepaar erfüllt sie, Gieseking, von Uslar.

Während von Uslar das Ende von der Rückkehr Giesekings vorliest, fotografiert eine Fotografin von der ersten Reihe aus die grenzpornographisch interessanten Schuhe der FAS-Redakteurin, mitsamt eines guten Stück Beins.

Zwischendurch stellt die FAS-Frau Fragen, vielschichtig wie ein Stück Baumkuchen, aber deutlich komplexer. Gieseking verhandle, auch mit seiner Freundin, ständig ein „Entweder-Oder“, Kerze auf den Tisch oder zu kitschig?
Ob es nur dieses „Entweder-Oder“ gebe oder auch eine Pluralität. Hm? Moritz von Uslar schaut mit zusammengekniffenen Augen und halboffenem Mund in den Saal. Und weil irgendwo in der Frage auch das Wort „Marke“ aufgetaucht ist, erzählt ein bisschen was über die Bedeutung von Marken in Romanen. Die erfüllten eine wichtigere Funktion als die des Name-Dropping, sie seien „eine Konstellation von Daten.“ Mit ein oder zwei Worten lasse sich auf diese Weise eine Fülle von Informationen vermitteln. In Sachen Informationsvermittlung leisten Marken unter Umständen mehr als die komplexesten Fragekaskaden.

Danach dann sitzen von Uslar und die FAS-Redakteurin im Café des Literaturhauses. Auch ein paar andere. Von Stuckrad-Barre etwa, der Kumpelsupport für diesen Abend. Und neben ihm eine blonde Mountainbike-Fahrerin mit Hut.

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