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Interview mit Benjamin Lebert

"Auch Ficken kann Liebe sein"

Von Claudia Schuh

Mit nur 17 Jahren machte ihn sein Debüt „Crazy“ zum Jungstar der deutschen Literaturszene. Benjamin Lebert tourte durch Europa, sein Roman wurde in 33 Sprachen übersetzt und verfilmt. Was er 2003 als Buch nachlegte („Der Vogel ist ein Rabe“) wurde von den Kritik verrissen oder einfach ignoriert. In seinem neuen Buch „Kannst du“ schreibt Lebert, jetzt 24, weiter an seiner eigener Geschichte. Claudia Schuh hat mit dem Autor gesprochen – über den neuen Roman, die alten Ängste und über die Suche nach Liebe.

Benjamin Lebert

Herr Lebert, „Crazy“ war international ein Riesenerfolg – es war aber sicherlich auch eine Riesenhypothek. Kämpfen Sie noch immer gegen das Image „Jungautor“ an, das Ihnen damals verpasst wurde.

Ja, ein bisschen schon. Es ist so, dass man wahrscheinlich in diesem Land noch sehr lange ein Jungautor bleibt. Es ist auch egal, wo ich erwähnt werde, es heißt immer Jungschriftsteller oder Jungautor – und das ist wahrscheinlich so, bis ich 50 bin. Aber es gibt Schlimmeres. Das sind alles Definitionen. Ich versuche mich nicht an Definitionen aufzuhängen, generell nicht im Leben. Wie die Leute einen benennen, ist immer zweitrangig. Wichtiger ist, wie man sich selbst benennt.

Würden Sie selbst sagen: Aus dem „Kind“ (FAZ) ist jetzt ein Schriftsteller geworden?

Ich weiß nicht, was aus mir geworden ist. Keine Ahnung. Kann sein, dass ich ein Schriftsteller bin, kann aber auch nicht sein. Ich war oft mit Schriftstellern zusammen, mit solchen Leuten wie Günter Grass zum Beispiel. Wenn man mit dem zusammen sitzt, dann kommt man sich überhaupt nicht vor wie ein Schriftsteller. Ich weiß auch nicht genau, was dazugehört. Man ist auch nicht die ganze Zeit Schriftsteller: Wenn ich tanze oder ins Konzert gehe, dann bin ich nicht Schriftsteller. Sondern Auge. Oder Ohr.

Jetzt haben Sie wieder ein Buch geschrieben. Es ist das Dritte. In Ihrem neuen Roman „Kannst du“ geht es um den Jungautor Tim Gräter, der ihnen sehr stark ähnelt. Handeln die Bücher nicht eigentlich immer von Ihnen, Benjamin Lebert?

Das kann schon sein. Das ist so die Frage, mit der man Schriftsteller in der Regel auf die Palme bringt. Es ist so, dass ich schon sehr viel aus mir selbst heraushole. Ich habe das Gefühl, es ist so, wie wenn man eine Wendeltreppe in sich selber hinuntergeht. In den tiefsten Kellerraum und dort das Graben anfängt. Also tief aus sich die Sachen herausholt. Aber auch gleichzeitig Dinge aufschnappt, die von außen an einen herangetragen werden. Die überall her schwirren und einen attackieren. Das man von außen und innen Dinge holt. Daraus schreibt man dann was.

In Ihrem neuen Buch geht es nicht mehr um Schule, Wettwichsen oder Besuche in Striplokalen, wie damals in Crazy. Aber um jede Menge anderer Probleme: mit der Jobsuche, den Mädchen, gekaufter Liebe und Einsamkeit. Beschreiben Sie jetzt, mit Mitte 20, die Probleme der Generation Quarterlife-Crises?

Ich versuche überhaupt nicht, für irgendeine Generation Bücher zu schreiben, sondern ich versuche einfach zu schreiben. Und wenn sich jemand darin wiederfindet, dann ist das toll, egal worin. Ich mach mir vorher keine Gedanken, dass ich jetzt über die und die Generation schreiben will. Ich versuche am ehesten ein Lebensgefühl einzufangen, was in mir tobt und was die Leute vielleicht in meinem Umfeld berührt. Klar ist das so, dass ich nur über die Menschen schreiben kann, die ich kenne und die in meinem Alter sind. Ich würde mir wahnsinnig schwer tun, über einen 50-Jährigen zu schreiben oder jedenfalls aus der Ich-Perspektive. Das könnte ich nicht. Deshalb sind die Figuren immer so alt wie ich und deswegen haben sie auch die Sorgen.

Warum sind eigentlich alle drei Romane Ich-Erzählungen?

Ich versuche sehr in die Figuren hineinzugehen – und das kann ich am Besten, indem ich es in der Ich-Form schreibe. Es ist ein sehr zermürbender Prozess. Ich würde irgendwann die Er-Perspektive versuchen, aber ich glaube ich bin näher an den Figuren dran mit dem Ich.

War der Druck von Seiten des Verlags, der Kritiker und der Leser nach dem 2. Buch noch höher als nach dem 1., wieder zu publizieren?

Nein, ich würde eher sagen, er hat sich etwas gelegt. Als „Crazy“ heraus kam und es so ein immenser Erfolg gewesen ist – in vielen Ländern veröffentlicht, auch verfilmt wurde – war es ganz, ganz schwer. Da war der Druck immens hoch. „Der Vogel ist ein Rabe“ war ja lange nicht so erfolgreich wie „Crazy“. Deshalb waren die Erwartungen auch etwas weniger, das war relativ angenehm.

In Ihren Büchern ist immer viel von Titten und Ficken die Rede, von herumfummeln und knutschen. Warum eigentlich?

Ich glaube, weil das ein sehr entscheidender Teil in meinem Leben ist. Ich glaube aber, dass es insgesamt ein entscheidender Teil von allen ist. Die Sexualität steht an zweiter, wenn nicht an erster Stelle von jedem Menschen. An erster Stelle steht wahrscheinlich die Suche nach Liebe. Wir versuchen sie auf verschiedene Arten zu bekommen. Jeder hat seine eigene Strategie. Manchmal kann ja Ficken auch Liebe sein.

Tim ist, wie schon sind die Hauptfiguren in den anderen Büchern, zutiefst unglücklich und hat Angst „verloren zu gehen“? Gibt es heute keinen glücklichen Roman-Helden mehr?

Gab es jemals glückliche Romanhelden? Ich glaube nicht. Oder ganz selten. Vielleicht in Astrid-Lindgren-Bücher und das ist auch schön. Sie lenken vom Unglück vieler Kinder ab. Vielleicht ist das ein Merkmal dieser Generation: Wir können uns an nichts festhalten. Selbst die Kriegsgeneration könnte sich zumindest am Krieg festhalten – was überhaupt zynisch ist. Heute ist alles verzettelt und fliegt in alle Richtungen weg. Man kann sich nirgendwo festhalten. Das ist vielleicht ein Merkmal der Figuren in meinen Romanen.

Kann man sich nicht an Liebe festhalten?

Nee, das glaube ich nicht. Das ist ein ganz großer Trugschluss. Viele bilden sich das ein. Man soll alles machen, was einem irgendwie glücklich macht. Wie auch immer. Ich glaube aber, dass das nicht stimmt. Man kann sich keinem Menschen hingeben.

Was macht Sie glücklich?

Was mich glücklich macht? Das sind ganz kleine Dinge und sie überfallen mich. Es trifft mich wie ein Pfeil, der auf mich geschossen wird, wenn ich das Sonnenlicht auf dem Wasser glitzern sehe oder wenn Vögel gehen den Wind ankämpfen sehe, verzweifelt – oder wenn ich ein wunderschönes Mädchen sehe. Es gibt Tausend Arten, die mich glücklich machen. Ich könnte aber nicht irgendwo hingehen, um glücklich zu sein. Es muss mit mir passieren.

Gibt es Gegenwartsautoren, die Ihnen wichtig sind? Vielleicht Vorbild sind?

Ich bin eher ein Fan altmodischer Autoren. Ich habe das Gefühl, das die Neuzeit, die Zeit, in der ich gefangen bin, auf so viele Weisen an mich heranträgt, dass ich froh bin, in eine andere Zeit zu flüchten. Das ist bei mir hauptsächlich durch die Bücher. Ich bin ein altmodischer Bücherfan, kein zeitgenössischer.

Ihr aktuelles Buch heißt „Kannst du“ und nimmt Bezug auf ein Spiel, bei dem man eine Geschichte weitererzählen soll – das erklären Sie auch im Roman. Zweifeln Sie selbst daran, ob Sie das können: schreiben und als Autor erfolgreich sein?

Natürlich. Ich zweifele sehr daran. Ich zweifle an sehr vielen Dingen, unter anderem daran. Diese Frage „Kannst du“ ist die existentiellste Frage, die man sich überhaupt stellen kann. Die stellt man sich auch die ganze Zeit. Wenn man morgens aufwacht, dann stellt man sich die Frage: kannst du, kannst den Tag überstehen? Wenn man eine Prüfung hat: kannst du und so weiter? Das ist die Frage, die das Leben durchzieht. Deswegen habe ich den Roman auch so genannt.

Aber haben Sie Angst davor, zu schreiben?

Nicht explizit. Ich habe vor verdammt vielen Dingen Angst, auch beim Schreiben. Ich habe aber auch Angst, wenn ich nicht schreibe und einfach so dem Tag gegenübertrete. Insofern spielt das keine Rolle. Ich werde einfach schauen, was ich zu erzählen habe.


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Die neuesten Kommentare


Benjamin | 07.12.08 12:52 Uhr

Hallo Benjamin, wir haben uns mal getroffen als du in freiburg warst und eine Lesung gegeben hast.
Wir hatten uns dann noch recht lang unterhalten.
Vielleicht erinnerst du dich an mich.
ich bin danach zu dir auf die Bühne gekommen, weil ich oft mit dir verwechselt werde.
Mich würde es sehr freuen, dich mal wieder zu sehen.

Hallo Benjamin,
gerade haben wir, Studentinnen aus Tschernowitz in der Ukraine, dein Buch Crazy auf deutsch gelesen. Nie zuvor haben wir so ein realistisches Buch gelesen. Es ist unerwartet, es ist überraschend, es führt zum Nachdenken.
Wie konntest du dich entschließen dich öffentlich so zu entblößen? Gab es auch Kapitel, die du dann doch wieder gestrichen hast?
Wir würden auch gern wissen, ob es Gedichte von dir gibt? Welche Themen behandelst du darin? Schicke uns mal bitte ein paar!
Wir möchten auch wissen, ob deine Freunde einverstanden waren, dass du sie in deinem buch so genau beschrieben hast?
Ein paar von uns finden, dass es in Crazy zu viel Alltagssprache gibt und sogar dass du gar keine Phantasie hast.: ) Hältst du den Alltag für das Wichtigste?

Komm einmal zu uns in die Ukraine und lies vorher unbedingt Lubko Deresch und Irena Karpa!

Weiterhin viel Erfolg,
Lesja, Tanja, Dascha, Maja, Katja, Marina

Flip | 21.01.09 11:28 Uhr

Hallo Benjamin!

Es wird Zeit, dass jmd mal die Wahrheit über dein Buch sagt... Ich habe Kannst du gelesen und ich rate dir dringend einen Psychologen aufzusuchen. Du bist krank und gehörst eingesperrt.

Anna | 25.01.09 20:19 Uhr

Hallo.
ich denke nicht ,dass du krank bist und schätze deine bücher sehr-vllt. bin ich auch krank^^
nein,im ernst-wann gibts ein neues?
nach meinen rechnungen 2000,2003,2006 köme doch jetzt 2009,oder?!
ich hoffe es...ein schönes leben weiterhin und danke für deine bücher.

langweilig | 04.03.09 15:42 Uhr

ich finde du redest zu viel über gott herbe langweilig
außerdem nervt dieses ständige florian den alle nur mädchen nenne
see you

sandra | 13.03.09 11:06 Uhr

DU BiiST GEiiL

sandra | 13.03.09 11:06 Uhr

DU BiiST GEiiL




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