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Lesung: Rocko Schamoni in BerlinAus dem Leben eines TöpfersVon Lutz SteinbrückHamburger Szene-Hecht wildert in Berlin: Rocko Schamoni las im Kreuzberger Festsaal und ließ seine Vergangenheit als Dorfpunk hochleben. Ob mit oder ohne literarische Vorlage: Da kommt Stimmung in die Bude.
“Der Nachthimmel, der ganz frei von Wolken war, wies in der Ferne, über Ostberlin, schon einen hellen Schimmer auf, als Frank Lehmann, den sie neuerdings nur noch ,Herr Lehmann' nannten ...” – Rocko Schamoni braucht seinen Mund nur zu öffnen, schon blüht der Flachs. Als er wissen will, ob die Stammkneipe von Regeners Romanfigur wirklich gab, entspinnt sich ein Hin und Her im Publikum. Irgendwann kommt die Rede auf die “Bullbar”. Eigentlich hätte der Töpfergeselle und selbsternannte “King” sein Buch “Dorfpunks” auch zu Hause lassen können. Wie er seine Stimmungen mit einer dicken Portion Selbstironie zelebriert, das Publikum einbezieht und sich dabei scheckig lacht, das ist großes Unterhaltungskino. Finden auch die geschätzten 300 Leute im Festsaal. Zu Beginn gab er lustvoll den leidenden Vortragskünstler: “Das ist die letzte Station meiner Tournee, ich kann nicht mehr. Erst erlebt man die Scheiße, dann schreibt man sie auf und dann muss man sie immer wieder vorlesen”, jammerte er ins Mikrofon, nur um kurz darauf einen Lachkrampf zu bekommen und alles auf den Alkohol zu schieben. Und gestern in Dresden? “War geil, mein Fahrer und ich, wir haben alles genommen ...”. Rocko redet von Blut im Zimmer am nächsten Morgen. Ausdrücklich erlaubt bei dieser Show: Handyklingeln. “Wenn ihr Bock auf einen Anruf habt, dann kriegt auch einen”, lautet die Ansage. Im zweiten Teil der Lesung wird er selbst angerufen und hält sein Handy hörbar für Alle ins Mikro: Es ist Roger, sein Keyboarder, ebenfalls in Berlin. “Wie war die Lesung. War viel los?”, fragt Roger. Im Hintergrund ist lauter Kneipenlärm zu hören. “Bei Euch sind ja wohl auch alle da”, meint Rocko und lädt Roger und seine Jungs gleich mal in den Festsaal ein. Ach ja, natürlich gab's zwischendurch auch jede Menge gelesene Schamoni-Satire. Wie er mit 14 “Punks” (sic!) werden wollte, oder als er mit seiner Ostholsteiner Teenie-Gang in Kiel auf dem AC/DC-Konzert war und alle 6000 Fans die Hardrock-Hymnen der Australier mangels Kenntnissen in Fantasie-Englisch mitgröhlten: “AC/DC guckten uns total verdattert an: Was singen die da? Who is the Roadie?” Lütjenburger Kumpels wie Partyschaum und lokale Kneipenschläger wie Klodeckel (sind so große Hände ...) pflasterten seinen Weg. Grundsätzliche Sinnfragen beschäftigten den Jugendlichen: “Kann man als Punk geschlechtslos sein und trotzdem Sex haben?”. Das Gute: Selbst wo Schamoni hart am Kitsch segelt (“Selbstmitleid ist meine zärtliche Krankenschwester”), bleibt er komisch. Literaturtipps: Rocko Schamoni: Dorfpunks. Rowohlt. 11 Euro
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