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Neue deutsche Filmhoffnung - Am Set von "August"

Heimatgefühle

Von Susanne Schmetkamp

"August", das ambitionierte Filmprojekt der Nachwuchsregisseurin Pia Marais, befindet sich nach Ansicht der Mitwirkenden und Förderer auf dem richtigen Weg: nämlich nach Europa. Gerade wird der Film in Köln gedreht. "Gegen die Wand"-Star Birol Ünel spielt eine der Hauptrollen.

Das Filmteam bei den Dreharbeiten in Köln. Foto: Filmstiftung NRW

Die junge Filmemacherin Marais (Jahrgang 1971) steht für Europa, Internationalität und Multikulturalität und damit für die derzeit angesagten
Ideale des Films auch in Deutschland. Aber was macht einen deutschen Film zu einem europäischen (und guten) Film? Ein Nachwuchsprojekt, das vielleicht eine Antwort auf diese Frage bietet, wird derzeit in Köln verwirklicht: Marais dreht ihr Debüt "August" im Villenviertel Hahnwald.

Drehort ist ein seit Jahren leer stehender Bungalow aus den 60er Jahren. Die Einrichtung ist gediegen-altmodisch, alte Baedeker stehen im Regal. Von der Terrasse geht ein großer verwilderter Garten ab, im Hintergrund hört man die rasenden Autos von der nahe gelegenen Autobahn.

Birol Ünel, bekannt geworden durch seine Paraderolle im Fatih Akins Drama "Gegen die Wand", und Pascale Schiller spielen die jungen Eltern Axel und Lily. Sie sind Hippies, ruhelose Streuner der 70er-Generation, die nicht an morgen denken, sondern nur von Tag zu Tag leben. Nun kehren die beiden - nach ihrer Emigration nach Portugal - nach Deutschland zurück und lassen sich im geerbten Elternhaus in einer Kleinstadt nieder. Die 15-jährige Tochter Stevie (Céci Schmitz-Chuh) hofft, hier die Stabilität zu finden, nach der sie sich immer gesehnt hat, und endlich ein normales Leben - jenseits der Chaoterie ihrer Eltern - zu führen.

Über die filmästhetische und dramaturgische Umsetzung lässt sich noch nichts
sagen. Wohl aber über die Idee, die hinter dem Ganzen steckt: Marais greift
mit einer einfachen Geschichte und anhand der Konfrontation zwei
verschiedener Generationen einer Familie die globalen und kosmopolitischen
Tendenzen unserer Gegenwart einerseits und die gleichzeitige Rückbesinnung
auf Werte in der Gesellschaft andererseits auf. Es sind die bekannten zwei
Seelen in des Menschen Brust: Diejenige, die sich nach Freiheit und Konventionsungebundenheit sehnt und die andere, die sich nach einem Zuhause, einem festen Ort mit festen Regeln und Freunden sehnt. Daneben ist es noch die Geschichte von einem jungen Mädchen auf der Suche nach ihrer Identität.

Familiengeschichten und Selbstfindungsprozesse sind in der Literatur wie im
Kino derzeit stark angesagt, wobei es häufig die Debüts der Künstler sind,
die dabei autobiografisch erzählen. Marais selbst sieht sich zwar als ebenso
ungebunden wie Stevies Eltern in ihrer Geschichte. Auch waren ihre Eltern
exzessive Hippies, wie sie am Set erzählt. Ansonsten habe sie aber nicht so viel mit den Kämpfen und Ängsten ihrer Hauptfigur gemeinsam. Ihr ginge es vor allem um die Familienkonzeption, um Verantwortung, Erziehung und um Stevies Weg zum Erwachsenwerden.

Die junge Regisseurin wurde in Johannesburg, Südafrika, geboren und wuchs dort sowie in Schweden und Spanien auf. Nach studentischen Experimentierjahren im Bereich Bildhauerei und Fotografie entschied sie sich für den Film und studierte Regie an der Deutschen Filmakademie in Berlin (DFFB). Ihr Film hat ein Budget von 900 000 Euro. 450 000 davon kommen von der Filmstiftung NRW. Daneben fördern WDR und SWR das Projekt, das von der Kölner Produktionsfirma Pandora Film produziert wird.

Birol Ünel, der den Vater mimt, hat unterdessen einiges mit seiner Figur
gemein: Er versteht sich selbst, wie er berichtet, als Reisender zwischen
Kulturen, als Nomade. Gerne würde er auswandern, derzeit, so sagt er, am
liebsten nach Barcelona. Mehrere Monate im Jahr verbringt er im Ausland. Den
Rest der Zeit erlebt der 44-Jährige in Berlin. "Aber ich bin Deutschland überdrüssig". Im Gegensatz zu Marais, die dem zeitgenössischen deutschen Film einiges abgewinnen kann, ist er eher unzufrieden. "Es fehlt mir in der deutschen Filmlandschaft die Courage, etwas Neues zu definieren", sagt er. Man müsse das Erzählkino wieder mehr etablieren und "nicht immer erklären, Hintergründe darstellen."

Ünel fordert neue Strukturen und einen multikulturellen Blick, "europäische
Visionen" wie er sie etwa bei Tony Gatlif findet. Mit Marais Film "August" scheine sich aber langsam auch etwas in diese Richtung zu formieren, so Ünel. Der Film
kommt voraussichtlich im August 2006 in die Kinos.

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