Michel Houellebecq in Köln
Die Unmöglichkeit einer Lesung
Von
Annika Wind / Susanne Schmetkamp
Die Erwartungen waren hoch: Michel Houellebecq, gehassliebtes enfant
terrible aus Frankreich, stellte am Montag in Köln sein neues Buch "Die
Möglichkeit einer Insel" vor. Und enttäuschte. Gedanken zu einer Lesung, die
misslang.
Michel Houellebecq. Foto: Philippe Matsas/Opale
Eine Lesung steht und fällt mit ihren Vorlesern: Nicht jeder Romanautor ist
da begnadet. Sind die einen lebhaft und spritzig, sprudelt bei anderen nichts als der Inhalt des obligatorischen Wasserglases. Ist der eine Schriftsteller ein sprachlich-stimmlicher Hochgenuss, windet man sich bei einem anderen vor Scham und Ungeduld auf seinem Sitz. Meist ist die Rezitation des Romans das Spannende, manchmal die anschließende Diskussion oder Fragerunde - in manchen Fällen eben keines von beidem, so wie am Montagabend in Köln. Auf Einladung des Kölner Literaturhauses war Houellebecq in den Komed-Saal des Mediaparks gekommen, um aus seinem neuesten Buch "Die Möglichkeit einer Insel" zu lesen.
Doch Lesung ist nicht gleich Lesung. Nur in Ausnahmefällen - beispielhaft sind Richard Powers oder Herta Müller - sitzt vorne ein Naturtalent oder geübter Sprecher. Fremdsprachige Autorenabende müssen ohnehin noch auf eine zweite Stimme zurückgreifen, von der die Übersetzung kommt. Wenn man Glück hat, ist das ein Schauspieler, dem man versonnen zuhört, sich an Stimme, Artikulation, Betonung und Schwingungen freut und denkt: "Jaa, der versteht
sein Handwerk." Wenn man Pech hat, liest der Übersetzer des Buches, und zwar
genauso schlecht wie der Autor selbst.
Normalerweise sind die Lesungen im Literaturhaus ein Signum für Qualität, interessante Gespräche und Abwechslung. In diesem Fall jedoch traf das leider nicht zu: Lesung und anschließendes Interview waren gleichermaßen zäh und ermüdend. So kongenial die Übersetzung des neuen Romans von Houellebecq
durch Uli Wittmann im Schriftlichen sein mag, es ging bei der mündlichen
Wiedergabe unter: zu viele sprachliche Holpersteinchen lagen im Weg, zu viele
inhaltliche Hürden mussten überwunden werden.
Für Nichtkenner des Buches war es nicht gerade einfach, der Struktur der Geschichte zu folgen: Auf Daniel24, 4 folgte Daniel1,1 und Daniel1,4 bis 6. Das sei wie in der Bibel, sagte Wittmann. Ähnliche Verwirrung und Verärgerung schafften aber die allzu kurzen Passagen, die Houellebecq vortrug. Zwischen Übersetzer und Verleger etwas zusammengesunken saß er da und regte sich kaum, las ohne jede nennenswerte Regung von Körper oder Stimme.
Der Pessimist, Fatalist und Untergangsprophet, der seit seinem Debüt "Ausweitung der Kampfzone" und dem Bestseller "Elementarteilchen" zum
Kultautor wurde und so oft durch provokative Äußerungen in Lesungen für
Furore sorgte, geht mittlerweile jedem Trubel aus dem Weg. Bei der Lesung in
Köln - übrigens der ersten in Europa, bei der er seinen neuen Roman vorstellte - wirkte er zurückgezogen, gelangweilt, genervt. Vielleicht ist es eine Reaktion auf die harsche Kritik, die der 47-Jährige in seinem Heimatland erntet.
Anfangs als Star der Gegenwartsliteratur gefeiert, sind die Franzosen seit seinem vorletzten Roman "Plattform" schlecht auf ihn zu sprechen. Umgekehrt
reagiert Houellebecq auf seine Kritiker in Frankreich ungehalten. Deutschland und die deutschen Journalisten verstünden ihn besser, sagt er. Im Gegensatz zu den französischen Kollegen würden sie seine Romane gründlicher lesen. Grund genug, sich weniger auf die Zuneigung von Menschen als auf die von Tieren zu verlassen. Clément heißt Houellebecqs ständiger Begleiter, auf dem Weg nach Deutschland saß er auf dem Beifahrersitz. "Entweder er schläft oder er ist gut gelaunt", beschreibt Houellebecq die Vorteile seines Hundes. Bei Menschen solle so was ja auch vorkommen, räumt er ein. "Das habe ich aber noch nicht erlebt."
"Der Hass gegen mich wird stärker", sagte Houellebecq nach seiner Lesung.
"Doch die, die mich mögen, halten nach wie vor zu mir." Das sind Zitate eines müde gewordenen Autors, der sich zurückgelehnt hat und nun selbstgefällig seine Kampfansagen von einst aus der Ferne betrachtet, aber kaum neues fabriziert. Passend ist da auch Houellebecqs Aussage, die Verleger Christian Döring zitierte. "Er will am liebsten keine neuen Interviews mehr geben, er hat alles gesagt." Keine gute Basis für einen Leseabend also, in dem der Autor über sein neuestes Werk sprechen sollte.
Was man über das Schreiben Houellebecqs erfuhr, war reichlich wenig. In einem neuen Roman hat er den Sex - sonst dominierendes Thema seiner Bücher - weitestgehend gegen das traditionelle Opium des Volkes, die Religion eingetauscht. Es geht um Daniel1 in der Gegenwart und die geklonten Daniel24
und Daniel25 in der Zukunft, 2000 Jahre nach Daniel1. Ähnlich wie in dem Kinofilm "Die Insel" geht es um Menschen und ihre genetischen Abbilder, um
ewiges Leben, und vor allem um die Angst vor dem Altern, die Suche nach dem
Glück und die Illusion einer Insel inmitten einer ausweglosen Zukunft.
Was den Roman ausmacht, konnte die Lesung nicht vermitteln. Manchmal sollte
man ein Buch vielleicht doch im Privaten lesen - mit seiner eigenen inneren
Stimme, seiner eigenen Betonung und Artikulation und seinen eigenen Stolpersteinchen. Zu erleben, wie ein Schriftsteller oder eine Schriftstellerin über die eigene Literatur spricht - "das ist der Mehrwert, den eine Lesung immer
gegenüber der privaten Lektüre darstellt", sagte Thomas Böhm, Programmleiter
des Kölner Literaturhauses, einst in einem Interview mit dem WDR. Vielleicht
erleben wir es ja bei der nächsten Lesung wieder, zum Beispiel von Orhan
Pamuk, der in diesem Jahr den Friedenspreis des deutschen Buchhandels
verliehen bekam. Er liest am 24. Oktober im Kölner Schauspielhaus aus seinem
in der Türkei so umstrittenen Buch "Schnee".
www.literaturhaus-koeln.de
Das könnte Sie auch interessieren:
Die neuesten Kommentare