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: Das protzige Prinzip Prominenz
Magazin CiceroDas protzige Prinzip ProminenzVon Oliver HavlatDie meinungsbildende Hauptstadt-Zeitschrift will es sein, das deutsche Pendant zu "New Yorker" und "Atlantic Monthly": Das Intellektuellen-Magazin "Cicero" ist da. Aber Anspruch und Wirklichkeit stimmen nicht überein.
Die Schweizer beenden die deutsche Zeitungskrise. Fast jedenfalls. Denn es ist der Schweizer Ringier-Verlag, der das wohl ambitionierteste Zeitschriftenprojekt dieses Jahres in den Markt drücken will. "Cicero" heißt das und "Magazin für politische Kultur" im Untertitel und soll etwas sein, das es im bundesrepublikanischen Zeitungsmarkt so noch nicht gegeben hat: Ein Intellektuellenmagazin, eine Hauptstadtzeitschrift, ein deutschsprachiges Pendant zu amerikanischen Autorenzeitschriften wie dem "New Yorker" oder dem "Atlantic Monthly". Das ist zumindest der Anspruch der kleinen Redaktion um Ex-"Welt"-Chefredakteur Wolfram Weimer. Die Latte ist also ganz schön hoch gelegt. Und das läßt jetzt, nachdem die erste Ausgabe des Cicero erschienen ist, die Enttäuschung umso tiefer sein. "Die Macher blasen zwar mächtig die Backen auf, produzieren aber allenfalls ein laues Lüftchen", ätzt etwa der Spiegel und nennt das neue Magazin den "neuen Hort des Deutschaufsatzes". Man mag ihm Recht geben. Dem "New Yorker" oder "Atlantic Monthly", die bekannt sind für ihre langen, fundiert recherchierten, bisweilen bissigen Reportagen, kann Cicero nicht das Wasser reichen. Die Königsform des Journalismus kommt im Blatt so gut wie nicht vor. Es protzt stattdessen mit Prominenz. Autoren wie Madelaine Albright, Umberto Eco, Klaus Harpprecht, Wladimir Kaminer, Hellmuth Karasek, Paul Nolte, Fritz J. Raddatz, Hans-Peter Schwarz und Arthur Miller werden gleich auf der Titelseite angekündigt, neben einem Schröder-Porträt des Malers Jörg Immendorff. Das imponiert auf den ersten Blick und läßt auf den zweiten Zweifel aufkommen. Denn erstens ist der Pool derart prominenter Autoren nicht unerschöpflich, so dass ein Magazin, das allein darauf zu setzen scheint, sich allzu schnell mit Substanz-Problemen konfrontiert sehen wird. Und zweitens bürgen auch die klangvollsten Namen nicht immer für die höchste Qualität. So beschreibt Arthur Miller in einem Erlebnisbericht seinen Besuch bei Fidel Castro. Ein schöner Text, nur: uralt. Miller hat ihn schon im Oktober 2003 in einem Buch veröffentlicht. Umberto Eco schließt sein kurzes Essay über die drei Arten des Antisemitismus mit dem Plädoyer: "Wenn wir uns gegen arabische Terroristen erheben, was unsere Pflicht ist, dann tun wir dies am besten, indem wir zuerst den europäischen Antisemitismus bekämpfen." Aha. Und wer behauptet, Bundespräsidentenkandidat Horst Köhler habe bei seinem Auftritt in der Johannes B. Kerner Show mehr inhaltliche Substanz geliefert als in dem dreiseitigen Interview mit Cicero, dem ist man geneigt Glauben zu schenken – ohne die Kerner-Show gesehen zu haben. Sowieso bleiben die Cicero-Texte oft genug seltsam lavierend an der Oberfläche, als trauten die Autoren sich nicht, aus welchem Grund auch immer, wirklich in die Materie einzusteigen. "Ist das Ihre Chance, Frau Merkel?" fragt Dominik Geppert und kündigt einen Vergleich zwischen der Lage des heutigen Deutschland und der Großbritanniens vor 25 Jahren an, die damals Margaret Thatcher an die macht spülte und ihr die Gelegenheit gab, das Land umzukrempeln. Was aber kommt, ist nur ein lauer geschichtlicher Abriß der Regierungszeit der "eisernen Lady". Wolfgang Stock versucht, den Imagewandel der CDU zur Großstadtpartei nach der gewonnen Hamburg-Wahl zu analysieren, beschränkt sich dabei aber darauf, die Vorzüge der neuen CDU-Farbe Orange zu preisen und minutiös nachzuweisen, daß die CDU jetzt auf sonnig macht: "Bereits in der Wahlnacht präsentierte sich die Spitze der Bundespartei vor orangefarbenen Flächen." Und Klaus Harpprecht darf in seinem Essay fordern: "Vergessen Sie den Leitartikel!" In einem Heft, das fast ausschließlich diese Form pflegt, ist das merkwürdig fehlplatziert. Ein halbes Jahr Zeit hat die ein gutes Dutzend Köpfe umfassende Redaktion von Wolfram Weimer in Potsdam, das Magazin auf Erfolgskurs zu bringen. Die Auflage umfasst 100.000 Exemplare, mindestens die Hälfte davon will Verleger Michael Ringier bei Ablauf der Frist verkauft sehen. Sonst ist Schluß. Acht Millionen Euro pumpt der Verlag, der in der Schweiz hauptsächlich für seine Boulevardtitel bekannt ist, in das Projekt. Für Cicero bleibt Zweierlei zu hoffen: Erstens, dass, nachdem die Riege der prominentesten Autoren erst einmal abgefrühstückt ist, das protzige Prinzip Prominenz aus der Redaktionsvilla am Wannsee verbannt wird, und dass, zweitens, Heribert Seifert Recht bekommt. Der Kolumnist der Neuen Zürcher Zeitung hatte im Januar gehofft, dass mit Cicero "auch hierzulande die Idee einer literarisch-journalistischen Alternative zur kurzfristigen Aufmerksamkeitsökonomie des Informationsgewerbes noch einmal eine Chance am Kiosk bekommen wird". Wir werden sehen. Spätestens im Oktober.
Die neuesten Kommentare
steffi | 07.06.04 12:13 Uhr
auch ich habe diese neue Zeitschrift absichtlich ganz gelesen und gehofft, zu finden, was sie sich anspruchsvoll vorgenommen hatte.
Jan | 15.03.06 19:19 Uhr
Der Oktober 2004 ist nun lange vorbei. Und was kann man am heutigen Tag sagen? Vielleicht, dass alles anders gekommen ist, als im obigen Artikel beschrieben? Die Auflage wurde erreicht und "abgefrühstückt" ist die "Riege der prominentesten Autoren" keineswegs. Cicero tut, was viele andere Zeitschriften nicht tun: Sie informiert über Menschen, die gerade nicht in den Schlagzeilen stehen, sie lässt Wissenschaftler und nicht nur Politiker zu komplexen Themen ausreichend zu Wort kommen. Während andere Zeitschriften auf oberflächlichen Tagesjournalismus setzen, geht Cicero tiefer und klinkt sich aus dem Sensationsjournalismus Marke Spiegel/Focus aus! Das ist in der Tat eine neue, bereichernde Qualität in der deutschen Zeitungslandschaft!
Stephan | 01.05.06 01:39 Uhr
Meinem Vorredner muß ich allerdings widersprechen. Ich habe den Werdegang von Cicero interessiert verfolgt. Tatsächlich kratzen die meisten Artikel nur an der Oberfläche - das ist bei einer durchschnittlichen Länge der Artikel von ca. 1,5 Seiten und vielen, sehr vielen Bildern auch nicht verwunderlich. Angetreten war man, ein anspruchsvolles Intellektuellen-Magazin zu produzieren. Herausgekommen ist ein Hochglanzheft, das dem Leser ein wohliges Gefühl von "Gebildetsein" vermittelt - vielleicht als Statussymbol geeignet. Als solches paßt es hervorragend in die Wartezimmer diverser Zahnarztpraxen. Schade, denn ein echtes monatliches Intellektuellen-Magazin fehlt in der Deutschen Zeitungslandschaft.
Jan | 01.05.06 19:34 Uhr
Einige Aspekte von Stephan möchte ich gern aufgreifen und am Beispiel der Ausgabe 1/2006 erläutern. Es besteht kein Zweifel daran, dass einige Artikel in der Cicero kurz und knapp sind und somit einen oberflächlichen Eindruck von einer Person/Sache vermitteln. Aber was die Artikel zu etwas Besonderem macht ist, dass sie ihr Augenmerk auf Personen richten, die alle anderen Magazine in Deutschland nicht berücksichtigen. Wer sonst schreibt über die Karriere eines Topmodels im maoistischen China, wer sonst porträtiert den Direktor des jüdischen Museums in Berlin mit 1500 Worten und wer sonst druckt 2- oder mehrseitige (reiner Text!) Interviews mit Schwarzenegger, Chodorowski, Bahman Nirumand oder Frank-Walter Steinmeier ab, wenn nicht die Cicero? Ganz interessant ist auch der Abdruck eines Briefes von Sigmund Freud an Albert Einstein. Des Weiteren gibt es in der Tat zahlreiche ausführliche (>3000 Wörter) und tiefgründige Artikel über Söhne einflussreicher Väter, Gunter Sachs, Demograpfie in Europa, Siegfried Lenz oder Sigmund Freud und zahlreiche kürzere und anspruchsvolle Artikel über Freiheits- und Gleichheitsstaat, Meg Whitman (Ebay-Chefin), Christina Weiss oder den neuen Regierungssprecher Ulrich Wilhelm. Auch die Tatsache, dass sehr viele Meinungsartikel in der Cicero abgedruckt sind, macht sie zu einem Magazin, dass durchweg als Intellektuellen-Magazin bezeichnet werden darf. |
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