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Wenn sie leuchtetAngesprochenVon Johannes GernertJohannes Gernert spricht eine Frau an und fragt das Licht aus.
Neulich habe ich eine Frau angesprochen. Es war ziemlich spät am Abend oder sehr früh am Morgen, wie man eben so möchte. Es war eine Frau mit einem Quadratpony. In Berliner Clubs gibt es schon seit einiger Zeit diesen Quadratponytrend. Sentja sagt, man nennt so etwas Pagenschnitt. Ich glaube immer noch, dass es keinen guten ersten Satz gibt. Außerdem sollte man Frauen in Clubs nicht ansprechen. Sie sind dort meist sehr beschäftigt mit Tanzen, Trinken und Vor-der-Toilette-Anstehen. Es war aber der letzte Abend in diesem Club, außerdem hatte ich diese Frau vorher ein paar Mal in anderen Clubs gesehen. Ich mochte ihren Quadratpony. Ich hielt sie für eine schöne Spanierin. Eigentlich hatte ich an diesem Abend gar nicht unbedingt zu dieser letzten Feier gehen wollen. Aber Sentja sagte, dass alle dort sein würden. „Es sind nur alle da, die immer da sind, wo alle sind“, sagte ich. Als wir kamen, ging Daniel Brühl gerade. Er hatte drei bis vier optische Zwillingsbrüder dabei und diesmal kein Jackett an. Sie trugen alle enge Jeans und Lederjacken und einer sagte etwas von Frauen, die wie Hühner auf einer Stange säßen. Daniel Brühl sagte gar nichts. Vorm Eingang warteten die Leute nicht in einer Schlange, sondern in einer Traube. Anna sagt, man darf von Club-Begegnungen nichts erwarten. Sie ist neulich mal wieder angesprochen worden und hat auch etwas mit dem Typen angefangen. Naja. Oft ist es ja so: Man sieht eine Philosophen-Prinzessin, deren satin-sexueller Charme wunderbar matt über die Tanzfläche leuchtet. So ein ganz schönsilbriges Licht. Man darf sie jetzt auf keinen Fall ansprechen, sonst antwortet sie und dann geht dieses Licht aus. Weil es aber der letzte Abend in diesem Club ist und weil ich diese Frau ein paar Mal gesehen habe und denke, dass das auch eine Aufforderung sein könnte, nun vielleicht doch einmal... Schicksal, wie auch immer. Sie sitzt neben einer Box. Sie sitzt da, als ob sie wartet. Ich stelle mich neben sie. Ich frage sie, ob sie weiß, was hübsch auf deutsch heißt. Ich weiß selbst nicht genau, was das bedeuten soll. Ich frage das auf Spanisch. Jetzt ein wichtiger Tipp: Man muss einen ersten Satz, den man für wenn auch nicht gut so doch wenigstens für erträglich hält, auch entsprechend präsentieren. In einem Club muss man ihn etwa so laut schreien, als unterhalte man sich direkt neben einer Straßenreinigungsmaschine, man muss ihm aber trotzdem so viel Anmut verleihen, dass er den Straßenreinigungslärm wie fernes Meeresrauschen klingen lässt und dass da vor allem dieser Satz ist, dieser erste. Ich fürchte, das ist mir einfach nicht gelungen. Sie sieht mich an, gar nicht abweisend, ein bisschen überrascht vielleicht. Sie lächelt aufmunternd und zieht ein ganz klein wenig ihre Augenbrauen hoch. Sie sagt nichts, sie macht nur dieses Wie-bitte-Gesicht. Du siehst etwas gelangweilt aus, sage ich, diesmal auf Englisch. Ich spreche ein bisschen Deutsch, sagt sie. Sie sagt das mit einem ganz unglaublichen Akzent. In diesem Moment kann noch alles gut werden, sie leuchtet weiter, mehr noch als vorher. Vielleicht ist diese ganze Licht-Theorie ein einziger großer Unfug, denke ich. Und dann fange ich an zu fragen und sie sagt, dass sie aus Griechenland kommt und einfach so in Berlin ist für ein paar Monate. Und wahrscheinlich ist es ein wirklich schwachsinniger Gedanke, dass so ein mehrmonatiger Berlin-Aufenthalt irgendeinen Sinn und Zweck haben muss. Vor allem gehört er nicht in diesen Club, an diesem letzten Abend oder Morgen oder wie auch immer. Man fragt einen Che Guevara nicht nach seiner privaten Altersvorsorge. Aber ich frage weiter und je öfter sie dieses Einfach-so wiederholt, desto genauer will ich es wissen. Ich frage so nach und nach das Licht aus. Dann gehe ich nach Hause. Draußen ist es taghell.
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Marten | 17.06.07 17:40 Uhr
Typischer Fall von verfragt. Das Geheimnisvolle an einer solchen Clubbegegnung sollte man natürlich nicht totfragen und wie du schon sagst somit das Licht ausmachen. "satin-sexueller Charme", schöne und treffende Formulierung. |
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