» Über Wortgestöber    » Impressum    » RSS-Feed Freitag, 12. März 2010
Sie sind hier: KolumnenGernert! : Schweizersex

Michèle Roten

Schweizersex

Von Johannes Gernert

Johannes Gernert versucht, eine Frau zu verstehen.

Sentja ist sehr begeistert von der Schweizer Sexjournalistin Michèle Roten. Sie schickt mir fast jeden Tag irgendeinen Roten-Text, den sie irgendwo im Netz gefunden hat. Ich habe deswegen auch angefangen, mich für Michèle Roten zu interessieren. In sexjournalistischer Hinsicht. Sie hat tatsächlich eine angenehm entspannte Art über Miteinanderschlafen und solche Dinge zu schreiben. Sie schreibt auf deutsch. Ein ziemlich normales, sehr verständliches Hochdeutsch.

Im Internet gibt es einen überschaubaren, aber doch intensiven Roten-Kult. Fans, vorwiegend männlich, spekulieren über ihr Aussehen und geben sich gegenseitig Tipps, wo möglicherweise Filmmaterial von ihr zu finden ist. Man munkelt, es gebe einen Beitrag des Fernsehmagazins Quer, in dem sie Männer auf der Straße anspricht und sie fragt, ob sie mit ihr schlafen wollen würden. Angeblich wollten viele.

Ich habe in meinem bisherigen Leben vor allem drei Texte von Michèle Roten gelesen. Einer ist in einem Junge-Menschen-Magazin erschienen. Er handelt von einem Nudisten-Club, wo alle nackt herumlaufen und gelegentlich miteinander schlafen. Ich habe mich bei der Lektüre vor allem gefragt, ob der nackte Hintern auf einem Bild zur Autorin gehört. Das hätte ich lustig gefunden. Der zweite Roten-Text, den ich gelesen habe, handelt davon, wie sie versucht übers Internet einen Mann kennen zu lernen, mit dem sie schlafen würde. Sie findet nur einen zum Knutschen. Ihre Suche beschreibt sie recht witzig. Anna findet, dass sei überhaupt nicht witzig, sondern der bescheuertste Selbstversuch, den man sich vorstellen kann. Aber Anna ist manchmal ein bisschen sehr kritisch. Im dritten mir bekannten Text erzählt Michèle Roten davon, dass sie Finger in ihrem Arsch nicht gut findet, ihren Hintern ganz prinzipiell jedoch schon.

Bis vor kurzem war das alles, was ich von der Schweizer Sexjournalistin Michèle Roten wusste. Dann habe ich sie gesehen.

Nachdem Carla und ich uns getrennt hatten, ist Carla in die Schweiz gegangen. Es hat eine Weile gedauert, bis sie sich dort halbwegs wohlfühlte. Ich weiß jetzt, woran das lag.

Ich habe Michèle Roten nicht persönlich kennengelernt, ich habe sie nur in einem kurzen Videowebclip gesehen. Jemand filmt das Türschild an ihrem Büro beim Magazin des Tagesanzeigers, den man Carla zufolge in der Schweiz „Tagi“ nennt. Der Kameramann öffnet die Tür. Eine blonde Frau sitzt an einem Schreibtisch und lacht. Der Kameramann stellt eine Frage. Dann beginnt die Frau zu reden.

Wenn ich Texte von Michèle Roten las, hatte ich eine abstrakte Vorstellung davon, dass diese Frau, die ständig von Sex schreibt auf ihre Art sehr attraktiv sein muss. Warum sonst würde sie ständig Sex haben?

Es muss für Carla ungeheuer schwierig gewesen sein, sich an Menschen zu gewöhnen, die dieselbe Sprache sprechen wie man selbst, die man aber dennoch nicht versteht.

Michèle Roten redet, lacht, redet, redet, lacht. Ich habe keine Ahnung, wovon dieses Interview handelt. Am Ende bilde ich mir ein zu verstehen, dass sie Geburtstag hatte und 28 geworden ist. Ich glaube man nennt diese Sprache Schweizerdeutsch. Es ist sicherlich eine sehr schöne Sprache – auf ihre Art. Wahrscheinlich gewöhnt man sich nach einer Weile daran. Vielleicht muss ich das Video noch ein paar Mal ansehen. Vielleicht verstehe ich dann etwas. Vielleicht möchte auch ich dann mit Michèle Roten schlafen.

Im Augenblick ist es noch nicht so weit.

Der Webclip

DruckversionDruckversion  Artikel versendenArtikel versenden  Email an AutorEmail an Autor  Kommentar schreibenKommentieren

Das könnte Sie auch interessieren:


Die neuesten Kommentare




Kommentar verfassen





Neues vom Film

» Grün, überall grün!
Sandra Nettelbeck ("Bella Martha") dreht "Helen" im kanadischen Vancouver.

» "Die haben gemerkt, dass ich ihnen gern zuhöre"
Gespräch mit Sung-Hyung Cho über Angeber-Bauern und ihren Film "Full Metal Village"

» "Stärke durch Schwäche"
Maria Schrader verfilmt Zeruya Shalevs "Liebesleben".

Thema Theater

» Wir sind zuständig für mehr Humanität"
Interview mit Roberto Ciulli, künstlerischer Leiter und Intendant des Theaters an der Ruhr.

Thema Literatur

» Motherfucker, hoppla, Vögelfantasien
Moritz von Uslar stellte seinen Roman "Waldstein" im Literaturhaus München vor.

 (c) Wortgestöber 2001 - 08 | Alle Rechte vorbehalten | Powered by Movable Type