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Studienende

Verrückt

Von Johannes Gernert

Johannes Gernert fängt bald an zu arbeiten. Und es kommt ihm vor wie: das Ende.

Auf einer WG-Party treffe ich meinen Kommilitonen Rainer. Es ist eigentlich ein ehemaliger Kommilitone, wir studieren beide nicht mehr. Wir stehen im Flur, Leute drängen sich an uns vorbei. Schweiß, Rauch, Mädchenponys. Ich schaue zu ihm hoch. Rainer ist ungefähr einen Körper größer als ich, tiefe Stimme, sehr blond, sehr verbindlicher Typ.

Wir haben uns auf einer Erstsemesterfahrt kennen gelernt, in einem brandenburgischen Dorf. Mit Lagerfeuer, Gitarren, viel Flaschenbier. Wir waren neu in Berlin und hatten unser ganzes Studium vor uns. Es fühlte sich an wie: unser ganzes Leben. Rainer sagt, er würde jetzt gerne mal Fotos von damals sehen. Das sei sicher lustig. Wie anders wir mittlerweile alle aussehen. Mein Bart ab und so Sachen. Man müsste nur eine Mail über den Verteiler schicken, sage ich. Nein, nein. So habe er das gar nicht gemeint. Eher dieses Gefühl. Verrückt.

Rainer zieht jetzt nach Wolfsburg, er fängt dort bei VW an. Naja, eigentlich bei irgendeiner VW-Tochter. PR. Trainee-Stelle. Ist nicht Berlin, aber eben ein Job. So eine Art. Während wir uns unterhalten bleiben ständig Leute stehen und geben Rainer die Hand und er sieht zu ihnen herunter und ich sehe mich um und warte und dann ist er irgendwann wieder fertig und das Gespräch geht weiter, kurz, bis der nächste kommt, oder die.

Wir fangen jetzt wieder etwas an, alle, nach und nach. Aber ganz anders: ohne Erststellenfahrt, jeder für sich, sehr alleine irgendwie. Wir sind neu in irgendeinem Job und wir haben unser ganzes Berufsleben vor uns. Es fühlt sich diesmal aber nicht an wie ein Anfang, eher wie: das Ende.

Und Carla, fragt Rainer. Ja, Carla, sage ich.

Nach dieser Erstsemesterfahrt saßen wir oft in einer Kneipe in Kreuzberg, selbstverwaltet, erst von Brasilianern, jetzt von Punks, Hinterhof. Rainer hat von seinen Clubs erzählt und wir haben ihn sehr überzeugt und ganz heftig für diese Tür-Rassismus-Kultur angegriffen, zu deren Teil er sich da macht.

Nach den Seminaren hat sich Rainer gelegentlich mit Hornbrillen-Typen darüber unterhalten, wie dieses Pärchen im Cookie's gestern vor aller Augen gefickt hat. Und dann haben sie gelacht, ein bisschen auch fürs studentische Publikum an der Bushaltestelle.

Ich gehe jetzt manchmal selbst in solche Clubs. Ich schäme mich jedes Mal ein bisschen, wenn ich drin bin. Im Grunde ist es mir aber egal. Ich habe auch noch niemanden ficken sehen. Ficken in Clubs ist wahrscheinlich sehr 90s.

Auf der WG-Party lasse ich Rainer irgendwann stehen. Als ich später vorbeikomme unterhält er sich gerade über Wolfsburg. Echt, Wolfsburg, krass, sagt einer. Verrückt.

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