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Sex und TechnikPorno, Politik und PrivatesVon Johannes GernertDoris Allhutter befasst sich mit den Geschlechterrollen in Online-Sex-Darstellungen. Und mit der Frage, wie die EU sich dem Thema nähert.
Wie hängen Produktionsmittel und Pornos zusammen? Foto: Verlag
Pornografie wird in diesen Tagen öffentlich vor allem unter zwei Gesichtspunkten diskutiert: Führen Internetpornos zur sexuellen Verwahrlosung von Jugendlichen? Und wie lässt sich Kinderpornografie wirksam bekämpfen? Besonders das Gesetz, das auf Initiative der Familienministerin Internetsperren gegen Kinderpornografie vorsieht, hat eine Debatte über Zensur und Freiheitsrechte im Internet bewirkt. Doris Allhutter hat für ihre Studie über die „Dispositive digitaler Pornografie“ die politische Auseinandersetzung mit dem Thema untersucht – nicht auf nationaler Ebene, sondern in der Politik der EU. Allhutter holt zunächst sehr weit aus, das ist einer der Vorzüge ihres Buchs. Sie widmet sich den digitalen Darstellungen aus der Perspektive der Geschlechterforschung. Zuallererst rekapituliert sie also die Diskussionen, die unter Feministinnen in den 70er und 80er Jahren geführt wurden und schildert, wie sich zu der Por-No-Bewegung, die Pornos als Vergewaltigungen verurteilte, eine Gegenströmung von Frauen entwickelte, die versuchten die Dinge differenzierter zu sehen. Das Credo von einigen lautet sinngemäß: Wir brauche nicht weniger Pornos, sondern bessere, um gegen die Diskriminierung vorzugehen. Die Autorin geht von einem engen Zusammenhang zwischen der Pornografie und den technischen Produktionsmitteln aus. Sie analysiert deshalb führende Pornoseiten und legt die „digitale Infrastruktur“ offen, über die die Bilder verbreitet werden. Ganz klarer Adressat, das bemerkt auch sie, seien Männer. Weil bisher zwar aufgeregt und oft emotional über Pornografie diskutiert worden ist, aber selten pornografische Darstellungen genauer untersucht worden sind, betrachtet Allhutter ein spezielles Segment des Online-Pornomarkts. Sie schildert detailliert, wie bestimmte Firmen Sex-Avatare anbieten, mit welchen Geschlechtsorganen diese ausgestattet sind und vor allem: welche Art von Sex die Programmierung diesen Figuren erlaubt. Das ist ein kluger Schritt, denn die Betrachtung zeigt, welche Rollenbilder hinter den Programmier-Entscheidungen stehen. Da die Avatar-Hersteller sich offensichtlich an der gängigen Mainstream-Pornografie orientieren, seziert Allhutter so allgemeine Strukturen heraus. Ein zentrales Element ist auch bei den animierten Computerbildern der Cumshot. Ein Mann kommt. Die Spieler können in dem Fall wie mit einem Zielfernrohr den Ort auswählen, wo sie das Pixel-Sperma platzieren möchten. Es ist durchaus möglich auf Männer zu zielen. Diese sind allerdings „spermaabweisend“, wie Allhutter bemerkt. Auch über die Fragen, wer wen in solchen Spielen wie zum Orgasmus bringen kann, werden Macht-Mechanismen deutlich. Schließlich betrachtet Allhutter vor diesem Hintergrund die Internetpolitik der EU. Sie identifiziert verschiedene Frames, also Perspektiven, aus denen das Thema Pornografie diskutiert wird. Dabei geht es etwa um Jugendschutz, Verbraucherschutz oder um Grundrechte. Eine ernsthafte Beschäftigung mit Pornografie – abgesehen von Kinderpornografie – findet ihrer Ansicht nach nicht statt, schon gar nicht auf der Ebene der Geschlechterpolitik. Technische Fragen, die sich mit Einschränkungen und Filtern befassen, werden bestenfalls oberflächlich besprochen. So schließt Allhutter: „Solange pornografische Inhalte also nicht illegal sind, wie im Falle der Kinderpornografie, wird deren Konsum im EU-Diskurs ausschließlich im privaten Entscheidungsbereich verortet. Gleichzeitig wird eine gesellschaftliche Debatte über diskursiv wirksame mainstream-pornografische Phantasmen und ihre strukturelle Stabilisierung hierarchischer Geschlechterdifferenzen verhindert.“ Das ist bedauernswert. Liefert Allhutter doch vorher auf gut 200 Seiten eindrückliche Beispiele dafür, dass das durchaus lohnen würde. Doris Allhutter, „Dispositive digitaler Pornografie – Zur Verflechtung von Ethik, Technologie und EU-Internetpolitik“, 314 Seiten, Campus.
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