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Özgür Yildirims Kinoerstling "Chiko"

Respekt, nichts als Respekt

Von Susanne Schmetkamp

„Chiko“ erklärt das Böse nicht, es stellt es dar. Der Debütfilm von Özgür Yildirim erweist sich dabei als großartiger Thriller mit hervorragender Besetzung, allen voran Denis Moschitto.

Brownie (Bleibtreu) und
Chiko (Moschitto).
Bild: Corazón International

Würde man behaupten, Denis Moschitto spiele in einer amerikanischen Mafiaserie mit, man würde es sofort glauben: Schon allein dadurch, dass der Schauspieler aussieht wie der Ziehsohn von Mafiaboss Tony Soprano, Christopher Moltisanti alias Michael Imperioli – schon allein das dürfte ihn für solch eine Aufgabe prädestinieren. Er spielt aber nun einmal nicht in einer Mafiaserie mit, und auch, wenn es hier in Deutschland Mafia-Verbrechen gibt, stehen sie nicht im Zentrum der öffentlichen und filmischen Wahrnehmung. Diese gebührte in den vergangenen Jahren bekanntermaßen anderen Menschen mit sogenanntem Migrationshintergrund, vornehmlich Deutschtürken von Berlin-Kreuzberg bis Köln-Mülheim.

Regisseur und Autor Özgür Yildirim hat mit seinem Kinodebüt „Chiko“ – produziert von Fatih Akin – nun einen rasanten Thriller mit herausragender Besetzung und originellen Dialogen geschaffen, der der Qualität amerikanischer Mafiaklassiker nahe kommt, deren Muster aber auf eben jene andere Szene in Deutschland überträgt. Chiko (gespielt von Moschitto, selbst Sohn einer Türkin und eines Italieners) will es als Drogendealer in Hamburg vom kleinen Fisch zum großen Hai schaffen. Gemeinsam mit seinem besten Freund Tibet (Volkan Özcan) versucht er, sich Reichtum und vor allem Respekt zu verschaffen: „Wenn du der Beste sein willst, dann musst du Respekt kriegen“, sagt er. „Und wenn du Respekt kriegen willst, dann darfst du keinem anderen Respekt zeigen. Und wenn du keinem anderen Respekt zeigst, dann denken die Leute irgendwann, du hast den Respekt erfunden, Alter.“

In diesen Sätzen steckt die Essenz des ganzen Films: Ein Humor, der viel Selbstironie und Sozial- und Kulturkritik enthält, und gleichzeitig blutiger Ernst – das ist kein Spiel, soll das heißen. Und tatsächlich entwickelt sich das, was die Freunde Chiko und Tibet nun erleben, immer mehr zu einem todernsten Drama, aus dem es kein Entrinnen mehr gibt: die Spirale der Gewalt führt eben immer nach unten. Chiko und Tibet erhalten von Brownie, der – wie sollte es anders sein – von Moritz Bleibtreu gespielt wird, eine Chance, die Chiko professionell ergreift. Tibet jedoch, der neben Chiko wie der schwache, tumbe Bruder wirkt, der nur aus Loyalitäts- und Freundschaftsgründen mitgeschleppt wird, vermasselt das Ganze, indem er seine eigenen Dinger zu drehen versucht. Der Schuss geht nach hinten los oder genauer: Brownie hämmert einen dicken Nagel in Tibets Fuß. Von da an geben Hass, Rache und Enttäuschung den Ton an.

Wie das Leben der Jungs vor dem Aufstieg und anschließendem Fall aussah, erfährt der Zuschauer nicht, was aber auch nicht notwendig ist: Der Film erklärt außer Machtstreben keine Motivation, liefert keine Gründe, die die Verbrechen – das übrigens in all seiner Brutalität dargestellt wird – erklären könnten (Stichwort: soziale Unterschicht, Arbeitslosigkeit, Diskriminierung etc). Nein: Das Böse ist plötzlich da, ohne dass es begründet und damit gegebenenfalls entschuldigt werden kann. Als Zuschauer sitzt man fast selbst wie festgenagelt im Sessel und hofft immer wieder auf einen guten Ausgang – vielleicht schaffen sie die Rückkehr zur Vernunft ja doch wieder. Aber natürlich nicht.

Yildirim, Absolvent der Hamburg Media School, ist realistisch genug, weder Euphemismus noch Optimismus durchgehen zu lassen. Dabei ist er aber nicht resignativ, nicht betroffen, sondern erzählt mit einer authentischen Kraft, wie man sie auch im jüngsten Film von Yildirims Mäzen, Fatih Akin („Auf der anderen Seite“), verspürte. Der Debütregisseur spielt mit Klischees sowohl aus dem Migranten- als auch aus dem Drogenmilieu, ohne dabei aber je platt oder übertrieben zu wirken. Die Dichotomie böser Türke, guter Deutsche wird aufgebrochen, indem der Drogenboss selbst ein waschechter Hamburger ist, der das Ruder in der Hand hält. „Bei ‘Chiko’ geht es nicht um Migration, die Nationalität spielt eine untergeordnete Rolle“, sagt Yildirim.

Der große Clou des Films ist aber vor allem Moschitto, der in dem Laienschauspieler Volkan Özcan und in Moritz Bleibtreu auf je unterschiedliche Art perfekte Mitspieler hat. So wie sonst in Komödien („Kebab Connection“), weiß der 30-Jährige auch als Krimineller – für die Rolle hat er zwanzig Kilo zugenommen – zu überzeugen. Aber er sieht ja eben auch aus wie ein angehender „Capo“ in einer Mafiaserie.

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