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Literatouren durch BerlinSchokotour mit Tanja DückersVon Lutz SteinbrückAuf dem Netzportal literaturport.de zeigen Autoren „ihr“ Berlin in Text und Bild zum Nachgehen. Unter anderem sind Tanja Dückers, Thilo Bock und Kristof Magnusson mit von der Stadtpartie, die den Titel „Literatouren“ trägt. In wenigen Tagen folgt Judith Hermann.
Der „Burger King“ im Berlin-Pavillon an der Straße des 17. Juni ist selten ein Ziel für Touristen und kulturbeflissene Berliner. Besucher verirren sich meist nur hierher, um auf die Schnelle ihren Appetit zu stillen. Der Autor Kristof Magnusson („Männerhort“) wünscht dem denkmalgeschützten Flachbau mit den Glasfassaden mehr Zuspruch. Aber nicht wegen Gegrilltem oder Pommes, sondern weil er das Gebäude wunderschön findet. In einer Literatour stellt er in Text und Bild Berliner Schauplätze seiner Wahl vor. Seit kurzem ist die Strecke auf der Webseite www.literaturport.de einzusehen und nachzugehen. Eine Tour-Etappe ist also dem Berlin-Pavillon gewidmet. 1957 auf der Bau-Ausstellung eröffnet, war er danach lange nicht komplett öffentlich zugänglich. Unter anderem verkaufte hier die Königliche Porzellan-Manufaktur ihre Produkte. Erst 2003, nachdem die amerikanische Fastfood-Kette ihn zur Filiale umgebaut hatte, konnte man den Pavillon wieder in seiner Gesamtheit begehen. Ein Umbau, der die Architektur nicht berührte. Der Wahlberliner Magnusson freut sich, dass der Bau so dem „Abrisswahn des Berliner Senats“ entkommen ist. „Andere so genannte Bausünden der Vergangenheit wurden abgerissen, obwohl sie kunsthistorisch kaum erforscht sind“, erklärt er auf Nachfrage. Gemeint ist die gern geschmähte betonlastige Architektur – vor allem aus den 1960er und 1970er Jahren. Er empfiehlt, diese Bauwerke stärker wahrzunehmen, nicht bloß nach alten oder ganz neuen Gebäuden zu suchen. Eine ungewohnte Sicht der Dinge. Auf den Literatouren stellen Berliner Literaten neuerdings „ihr“ Berlin vor und suchen verschiedenste Orte auf – vom Feinkostladen bis zur stillgelegten Fabrikhalle. Eine vielfältige Spurensuche in Form urbaner Reiseberichte. Um hohe Literatur geht es dabei nicht, sondern um spezielle Blickwinkel auf Szenerien der Stadt. Vier bis neun Stunden dauern die Spaziergänge. In Begleitung eines Fotografen haben sich 13 Berliner Autorinnen und Autoren aufgemacht, um persönliche Entdeckungen preis zu geben. Ihre Gänge sind auf den Internetseiten des Literaturports als bebilderte Texte mit einer Karte und im MP3-Format dokumentiert. Neben Magnusson tummeln sich dort seit Jahresbeginn Tillman Rammstedt, Bas Böttcher, Veronika und Christoph Peters, Elke Schmitter, Thilo Bock sowie Tanja Dückers als Fremdenführer. Die nimmt ihre Leser mit auf eine Schoko-Kunst-Tour. Dem intensiven Genuss von Kakao und Schokolade frönt sie seit ihrer Kindheit: „Ich bin in Wilmersdorf aufgewachsen. Mit meiner Mutter und der Großmutter war ich oft im Schokoladenladen ,Erich Hamann' in der Brandenburger Straße. Meine Oma hat mir damals die Haltung zum Genuss beigebracht“, verrät die 39-Jährige im Gespräch. Seitdem sucht sie immer wieder Orte auf, die sich dem süßen Lebensmittel in allen Variationen widmen. In Berlin und Potsdam wimmelt es davon. Zwischen Ausflügen in Museen und ins Planetarium führt Dückers' Literatour neben nicht nur zu „Erich Hamann“, sondern auch ins Schoko-Geschäft „In't Veld“ in der Lychener Straße (Prenzlauer Berg). Für sie eine Schatzkiste, die exotisch anmutende Sorten wie „Kürbiskerne Hanf“, „Tofu Sake“ oder „Rote Rüben Galgant“ im Sortiment hat. Die Autorin bevorzugt Plätze wie das angrenzende Schokoladen-Café „Kakao“ als Treffpunkt, weil das hier bevorzugt servierte Getränk aus ihrer Sicht eine beruhigende, sogar tiefsinnige Wirkung in Gesprächen entfalten könne. Ist sie allein, nutzt Dückers Kakao und Schokolade, um im Alltag innezuhalten: „Kakao sehe ich als Getränk für Müßiggänger, das finde ich sympathisch. Kaffee dagegen ist etwas für Aufziehmännchen“, sagt sie. Keine Haltung für sie, um gut schreiben zu können. Auch ihre Perspektive ist ungewöhnlich in Zeiten, wo Coffee to Go einen Boom erlebt. Eine Nabelschau ganz anderer Art bietet Thilo Bock. Er erzählt die Geschichte der heutigen Berliner Lesebühnen. Dort ist er häufig anzutreffen. Dass sich in der Stadt eine so große Szene entwickelt hat, schreibt er der Umbruchsituation im Osten Berlins bis Mitte der Neunziger Jahre zu: „Es gab viele alternative Clubs und Lokale sowie die richtige Szene dafür. Das Mittwochsfazit zog ja 1990 als Dr. Seltsams Frühschoppen von der Mensa der FU in ein besetztes Haus in der Brunnenstraße und wurde so was wie die Mutter aller Lesebühnen. Fünf Jahre später erfolgte dann die Gründung der Reformbühne Heim & Welt im Schokoladen, der dann schnell weitere folgten.“ Der antiliterarische Habitus der Vortragenden habe im Gegensatz zur gediegenen Atmosphäre einen großen Reiz entfaltet – nicht nur für Thilo Bock heißt das einfach „Rock'n Roll“. Als aktuellen Querschnitt empfiehlt er das samstägliche Kantinenlesen in der Kulturbrauerei. Dass im Zuge der Literatouren verschiedenste Aspekte städtischer Kultur, Lebensart und auch Gesellschaftskritik vermittelt werden, freut wiederum die Macher des Literaturports, der 2006 vom Literarischen Colloquium Berlin und dem Brandenburgischen Literaturbüro initiiert wurde. Die Literatouren stemmen sie mit finanzieller Hilfe der Berliner Landesinitiative „Projekt Zukunft“ und mittels des Europäischen Fonds für regionale Entwicklung (EFRE). Im Frühjahr 2009 wird eine Anthologie der literarischen Spaziergänge im Schöffling Verlag erscheinen. Als nächste Autorin wird in einigen Tagen Judith Hermann ihre Tour zeigen. Anschließend locken Julia Franck, Ingo Schulze, Katja Müller-Lange, Inka Parei und Wolfgang Schlüter die Leser auf frische Fährten. Ob es danach eine Fortsetzung der Touren gibt, steht noch nicht fest. Bisher ist die Resonanz groß: „Wir haben täglich bis zu 500 Klicks mehr“, erzählt Claudia Schütze vom Literaturport. Ob bald auch die Orte der Literatouren mehr Zulauf bekommen, wird sich zeigen. Vielleicht lassen sich demnächst im Berlin-Pavillon ja ein paar Leute blicken, die Fast-Food-Läden sonst aus guten Gründen meiden.
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