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Helmuth Kiesel: Ernst Jünger. Die BiographieDer JahrhundertdenkerVon Nils VollertHelmuth Kiesels Biografie über das Leben des polarisierenden Schriftstellers Ernst Jünger ist nicht nur informativ und auf dem höchsten Stand der Forschung, sondern darüber hinaus eine unterhaltsame Lektüre, auch für Jünger-Laien.
Die Eckdaten der Biografie Ernst Jüngers sind gewaltig. 1895 in Heidelberg geboren, starb Jünger im stolzen Alter von 102 Jahren 1998. 1914 meldete er sich als Freiwilliger zum Ersten Weltkrieg und wurde während dieser Zeit mehrfach aufgrund seines Heldenmutes ausgezeichnet, zuletzt mit dem Orden Pour le Merité, als der Krieg schon verloren war. In der Zeit der Weimarer Republik studierte er Zoologie und wurde der Öffentlichkeit als Autor des Kriegsbuch „In Stahlgewittern“ bekannt. Zudem betätigte er sich als Journalist und Publizist, erwies sich als ein besonders scharfer Feind der Republik und forderte 1923 sogar die Revolution unter dem „Hakenkreuzbanner“. Als 1933 die Nationalsozialisten an die Macht kamen, zog es Jünger, der von einigen der neuen Machthabern heftig umworben wurde, in die innere Emigration zurück. Der nationalsozialistischen Diktatur stand er von Anbeginn mit Skepsis und Distanz gegenüber. Sein 1938 publizierter Roman „Auf den Marmorklippen“ gilt als das regimekritische Werk der 1930er Jahre. Das hinderte ihn allerdings nicht daran, 1939 als Hauptmann in den Zweiten Weltkrieg zu ziehen. Denn: „Das Strittige ist so gehäuft, daß nur das Feuer es aufarbeiten kann“. Während des Weltkriegs war er lange Zeit in Paris stationiert und hatte hier regelmäßigen Kontakt zu einigen der Initiatoren des Attentats vom 20. Juli 1944. Im Anschluss an das missglückte Attentat gelang es Jünger einmal mehr den Kopf aus der Schlinge zu ziehen. Jünger, der zwar von dem bevorstehenden Attentat gewusst, jedoch nie aktiv mitgewirkt hatte, wurde lediglich aus der Wehrmacht verbannt. Nach der Kapitulation des „Deutschen Reiches“ 1945 verhängten die Besatzer ein Publikationsverbot gegen den Schriftsteller, da sie ihn für demokratiefeindlich hielten. Seither ist es schwer geworden, sich mit diesem Intellektuellen auseinander zu setzen, ohne auf die gegen ihn und sein Denken gerichteten moralischen Bedenken einzugehen. Viele namhafte Autoren versuchten die Vorwürfe gegen Jünger abzuwehren und forderten statt dessen eine sachliche Auseinandersetzung mit dem Autor. „Die kritischen Einwände findet man immer ein wenig zu prompt“, stellte Siegfried Lenz in einem Artikel für die „Zeit“ 1962 fest. Bis ins späte Alter hinein publizierte Jünger, vor allem seine ausführlichen Tagebücher sowie Romane, Erzählungen, Essays. „Ich weiß, Goethe und die Brüder Mann eingeschlossen, keinen deutschen Autor, der ähnlich lange produktiv gewesen ist“, schrieb der Literaturwissenschaftler Heinz-Ludwig Arnold. Ernst Jünger: ein Jahrhundertautor. Eine Jahrhunderfigur. Diese Figur, die so imposant wie verfänglich ist, hat der Literaturwissenschaftler Helmuth Kiesel nun in eine Biografie gepresst. Aus verschiedenen Gründen ist ein solches Unterfangen nicht einfach. Neben dem beachtlichen Berg an Literatur und Forschungsliteratur, den es zu bewältigen gilt, steht vor allem die polarisierende Wirkung Jüngers, auf die eine Biografie eingehen muss, ohne in ein resümierendes, aber langweiliges „Sowohl-als-auch“ zu verfallen. Als besonders schwierig bei einer Biografie über Ernst Jünger dürfte sich jedoch die enge Verflechtung von Fiktion und Realität, von schriftstellerischem Werk und Leben erweisen. Das riesige Tagebuchwerk Jüngers vom Ersten Weltkrieg bis in die 1990er Jahre hinein darf nicht einfach mit einer Reflektion des eigenen Handelns in der Welt verwechselt werden. Für Jünger war das Verfassen von Tagebüchern immer auch poetologisches Programm. „Der Tagebuchcharakter“, schreibt Jünger in der Einleitung zu den „Strahlungen“, seinen veröffentlichten Tagebüchern vom 1939 bis 1948, „wird vielmehr zu einem Kennzeichen der Literatur“. Man muss diese Schwierigkeiten vor Augen haben, um Kiesels Biografie würdigen zu können. Denn es handelt sich hier um ein wirklich gelungenes Unterfangen. Schon der Einstieg in dieses 670 Seiten umfassende Werk ist äußerst galant. Kiesel beginnt mit Eintragungen Jüngers zum Kometen „Halley“, den Jünger in seinem Leben zweimal gesehen hat, nämlich 1910 und 1986. Damit spannt Kiesel den Bogen, den Jüngers Leben umfasst: die wilhelminische Aufbruchsstimmung ins Zeitalter der Extreme. Die Genauigkeit und der sprachliche Schwung, mit denen Kiesel im folgenden zu Werke geht, gestalten das Buch sowohl für den Jünger-Laien als auch für den Experten zu einer bemerkenswerten Lektüre. Kiesel kennt Jüngers Schriften bis ins letzte Detail, was sich besonders an der exakten Erfassung der verschiedenen Versionen von Jüngers Erstlingswerk „In Stahlgewittern“ erkennen lässt. Zugleich ist er ein genauer Kenner der „reflektierten Moderne“ überhaupt und ist immer wieder in der Lage, gewichtige und polarisierende Passagen in Jüngers Werk zu historisieren. „Historisierung“ ist tatsächlich der programmatische Ansatz dieser Biografie. Strittige Textstellen Jüngers werden nicht anklagend hervorgehoben, aber auch nicht verteidigt. Sie werden mit Aussagen anderer Schriftsteller und Intellektueller der Zeit verglichen und einer sachlichen Bewertung unterzogen. Besonders eindrücklich gelingt dies an der Historisierung von Jüngers Kriegseuphorie zu Beginn des Ersten Weltkriegs. Tatsächlich begeisterte sich 1914, heute unverständlich, der Großteil der deutschen und europäischen Intellektuellen für den Krieg als ein reinigendes Ungewitter oder als Mittel zur Geburt einer neuen Welt, eines neuen Menschen. Die Intellektuellen waren es, die den Mythos vom einheitlichen Augusterlebnis produzierten und den Krieg beschworen: Thomas Mann, Stefan Zweig, ja sogar Franz Kafka und viele andere konnten sich dem nicht entziehen. Dabei kam es nicht auf die politische Couleur der jeweiligen Person an. Gern zitiert Kiesel zur Historisierung strittiger Aussagen Jüngers politisch „unverdächtige“ Autoren wie Thomas Mann oder Erich Kästner. So beschreibt Helmuth Kiesel mit der hier vorliegenden Biografie nicht nur das Leben und Werk Ernst Jüngers präzise. Er bezieht stets die gängige Forschungsliteratur zu Jünger mit ein und kritisiert sie, wenn nötig. Anbei liefert der Autor fast so etwas wie eine kleine Literaturgeschichte der „reflektierten Moderne“. Und das in einem durchweg unterhaltsamen Stil. Damit liefert das Werk mehr noch als man von einer Biografie erwarten dürfte. Helmuth Kiesel: Ernst Jünger. Die Biographie. Siedler Verlag. 24.95 Euro
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