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Räuberhände

Raus hier

Von Johannes Gernert

In seinem Roman-Debüt erzählt Finn-Ole Heinrich von zwei Freunden, die recht entschlossen den Ausbruch versuchen, aber nicht ganz so weit kommen. Samo mit der Pennermutter und Janik, das Lehrersöhnchen. Eine schöne Indie-Initiationsgeschichte.

Finn-Ole Heinrich
Foto: Dylan Thompson

Samuels Mutter ist eine Pennerin und hat kein Zuhause. Janiks Eltern sind Lehrer und besitzen ein schönes Haus. Samuel, den Janik nur Samo nennt, kennt seinen Vater nicht. Janik kennt den eigenen viel zu gut. Samo muss sich um seine Mutter kümmern. Janik muss aufpassen, dass seine Eltern ihn nicht zu sehr umhegen und pflegen. Sie kommen aus völlig unterschiedlichen Lebenswelten, die sich irgendwann zu überschneiden anfingen. Beide sind Freunde, fast so etwas wie Brüder. Samuel gehört zur Familie. Janiks Eltern sind auch für ihn da.

Die Jungen haben gerade Abitur gemacht und sind sehr damit beschäftigt, sich selbst zu finden. Sie liegen in ihrer Schrebergartenparzelle, die sie Stambul genannt haben, schauen aufs Wasser, kiffen, trinken, glotzen. Janik hat eine Freundin, Lina, die – mal abgesehen von ihren schiefen Zähnen – ähnlich perfekt ist wie das Wohlfühl-Vakuum bei seinen Eltern. Vielleicht ist auch das ein Grund, warum er Samos abgerockte Penner-Mutter irgendwie anziehend findet. Er würde dieses hübsche Familien-Bild, das er täglich zu Hause sieht, jedenfalls gerne mit Säure übergießen. Mit Samo will er raus, nach Istanbul – dessen verschollenen türkischen Vater Osman suchen. Während der eine endlich nicht mehr gestützt werden will, sucht der andere etwas zum Festhalten. Irgendwie kann er sich nur über diesen Osman definieren – nicht ohne ihn. Und weil sie in ganz unterschiedliche Richtungen wollen, trennen sich ihre Wege schließlich...

Finn-Ole Heinrich beschäftigt sich in seinem ersten Roman mit der Frage, wo man überall hingelangen kann, wenn man aus einer ganz bestimmten Ecke kommt. Und seine recht ernüchternde Antwort ist: nicht sehr weit über die eigenen Milieugrenzen hinaus. Aber das ist nicht die Hauptsache. Räuberhände ist eine großartig erzählte Coming-of-Age-Geschichte. Ein Sound-Buch, das wie Indie-Rock klingt, und trotzdem so klar konstruiert ist, dass es einen irgendwann mitzieht und man mit der Hand auf die Bauchdecke trommelt, oder so ähnlich, gewissermaßen. Heinrich studiert Film, vielleicht kann er deshalb so gut Dialoge und diese eigene Form von Suspense. Vor jedem Kapitel stehen ein paar Zeilen Zukunft, wie ein kurzer Blick auf einen düsteren Himmel. Und so kommt es dann auch.

Aber vorher verhandelt der Autor noch eben kurz alles, was in so eine Initiationsgeschichte hinein gehört. Sehnsucht, Sex, Sexualverwirrtheit, Sekundenbruchfunde auf Dauersuche. Alles da. Auf so eine wunderbar nebenbeie Weise.

http://www.pipe-up.de/buch.php

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