» Über Wortgestöber    » Impressum    » RSS-Feed Sonntag, 14. März 2010
Sie sind hier: BesprochenBelletristik : Glanz und Elend einer Jugend

Dimitri Verhulst: Die Beschissenheit der Dinge

Glanz und Elend einer Jugend

Von Nils Vollert

Nach dem großen Erfolg mit „Problemski Hotel“ (2003) hat Dimitri Verhulst nun seine Lebensgeschichte in einen kurzweiligen Roman gepackt. Mit Witz und jeder Menge Charme erzählt er von einer Jugend zwischen Alkoholsuff und Prostitution, Polizei und Gerichtsvollziehern: „Die Beschissenheit der Dinge“.

„Gott schuf den Tag, und wir schleppten uns hindurch.“ Hindurchschleppen, das ließe sich in den Erzählungen über „Die Beschissenheit der Dinge“ ohne Weiteres ersetzen durch: Wir soffen uns durch den Tag. Wir fickten uns durch den Tag. Randalierten. Prügelten. Pöbelten. Baldowerten. Schliefen. Und immer wieder: soffen uns durch den Tag. Bitte, ist das nicht ein schöner Stoff zu einem autobiografischen Roman? Ein Schriftsteller, in mehrere Sprachen übersetzt, mit einem Säufer und „Irren“ als Vater und einer Nutte, die ihren Harndrang nicht mehr kontrollieren kann, als Mutter?

Schon Jörg Fauser wusste, das oder ähnliches ist der Rohstoff für einen großen Roman. Auch Scheiße kann glänzen wie Gold, es braucht nur die richtige Sprache und den richtigen Beat. Jörg Fauser hatte den zweifelsohne, und Dimitri Verhulst, 1972 in Belgien geborener Schriftsteller, ebenfalls. Oh ja. Mit der Wut eines Outcasts und der Leidenschaft eines Menschen, der das Leben über alles liebt, schreibt er über seine Jugend in dem kleinen flämischen Dorf Reetverdeegem. Seine Familie, die Verhulsts, sind in diesem Dorf berüchtigt. Sie organisieren eine Tour de France für Alkoholiker, sind in jeder Kneipe bekannt. Polizei und Gerichtsvollzieher sind die häufigsten Besucher der Familie.

Die „bürgerlichen“ Familien fürchten die Verhulsts, meiden sie und verabscheuen sie, verbieten ihren Kindern, mit den kleinen Verhulsts zu spielen. Sie begegnen der Familie mit Misstrauen und Unbehagen. Und doch: „[...] hätte man über uns eine Fernsehserie gedreht, hätten sie sich die bestimmt amüsiert angesehen.“ Nun gibt es nicht die Fernsehserie, sondern den Roman.
Als „schwarzer Romantiker“ ist Dimitri Verhulst bezeichnet worden, der „noch dem tiefsten Elend einen goldenen Glanz“ verleiht, doch das trifft es nicht ganz. Sicherlich: Das Elend seiner Familie rückt er immer wieder in ein charmantes, witziges Licht. Die Protagonisten werden mit viel Liebe in all ihren Schwächen gezeichnet. Das ist nicht die Abrechnung mit einer Familie, die im Suff versank und den minderjährigen Sohn mit in die Kneipe schleppte, anstatt seine Schulaufgaben zu kontrollieren.

Es ist ganz sicher eine Hommage an den Morast, aus dem der junge Dimmetrieken sich erhob. Und doch: Man wird bei der Lektüre dieses Buches das sichere Gefühl nicht los, dass Verhulst den Leser während des gesamten Buches mit voller Absicht bei allem Glanze nicht vergessen lässt, dass es das Elend ist, über das er schreibt. Das ist kein seriengerechter Slapstickhumor, den der Autor hier präsentiert, wenngleich einige Episoden in dem Buch in die Richtung gehen. Dagegen stehen die vom Krebs zerschundenen jugendlichen Körper, die Alkoholabhängigen, die nur saufen und rauchen können, die schwarzen Zähne, die Würmer, die die Familie von den Unmengen Gehacktes bekommen, der „Dung“ des Vaters, der „außerirdisch nach uraltem Käse“ stank, der Typ aus der Entzugsklinik, der die letzte freie Einstichstelle am Hoden sucht. Das ist nicht mehr feiner Samstag-abend-Humor, keine kurzsichtige Kneipen-Romantik, sondern das trägt fast schon naturalistische Züge. Eine Ohrfeige an jeden Leser, der sich nur allzu schnell mit den Protagonisten solidarisieren möchte.

Vielleicht ist auch gerade deswegen das Kapitel am besten gelungen, in dem der Vater aus der Entzugsklinik zurückkehrt. In diesem Kapitel vereinen sich die Tragik und die unwiderstehliche Komik der Figuren in besonders dichter Weise. Der Vater des jungen Ich-Erzählers kommt nach harter Entzugskur zum ersten Mal nach Hause und verspricht, clean zu bleiben. Wie absurd dieses Vorhaben ist, wird dem Leser Seite für Seite klar, wenn Verhulst genüsslich das ganze Elend seiner Behausung darstellt, das aus jeder Ecke nach abgestandenem Alkohol und Zigarettenqualm riecht, in dem jeder Bewohner nichts anderes tut als seine 20, 30 Bier täglich hinunterzuspülen.

„Die Beschissenheit der Dinge“ ist ein sprachlich pointierter und gelungener Roman mit einem schönen schwarzen Humor. Aus der Perspektive eines Outcasts geschrieben ist es auch eine Hommage an ein Leben in Suff, Dreck und Elend, doch darüber geht es noch hinaus. Der romantisierende Gestus des autobiografischen Erzählers wird immer konterkariert durch den unverstellten Blick auf das rohe Elend der Verhältnisse, bei dem der Leser sich so manches Mal erschrocken oder angeekelt ertappen darf. „Wen willst du eigentlich amüsieren?“, wurde Jim Carrey als Andy Kaufman in dem Film „Der Mondmann“ gefragt. „Das Publikum oder Dich selbst?“ Bei Dimitri Verhulst, so scheint es, ist immer ein bisschen von beidem.

Dimitri Verhulst: Die Beschissenheit der Dinge. Luchterhand Verlag, 8 Euro

DruckversionDruckversion  Artikel versendenArtikel versenden  Email an AutorEmail an Autor  Kommentar schreibenKommentieren
Diesen Titel bei Amazon bestellen.

Das könnte Sie auch interessieren:


Die neuesten Kommentare


prollsport | 21.01.08 03:10 Uhr

du bist der typ den der erzähler hasst und gerade so doch nicht zusammenschlägt - viel spaß mit deiner modelleisenbahn und deiner ex-frau!



Kommentar verfassen





Neues vom Film

» Grün, überall grün!
Sandra Nettelbeck ("Bella Martha") dreht "Helen" im kanadischen Vancouver.

» "Die haben gemerkt, dass ich ihnen gern zuhöre"
Gespräch mit Sung-Hyung Cho über Angeber-Bauern und ihren Film "Full Metal Village"

» "Stärke durch Schwäche"
Maria Schrader verfilmt Zeruya Shalevs "Liebesleben".

Thema Theater

» Wir sind zuständig für mehr Humanität"
Interview mit Roberto Ciulli, künstlerischer Leiter und Intendant des Theaters an der Ruhr.

Thema Literatur

» Motherfucker, hoppla, Vögelfantasien
Moritz von Uslar stellte seinen Roman "Waldstein" im Literaturhaus München vor.

 (c) Wortgestöber 2001 - 08 | Alle Rechte vorbehalten | Powered by Movable Type