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: Die Poetik des realen Balkans
Dzevad Karahasan: Berichte aus der dunklen WeltDie Poetik des realen BalkansVon Nils VollertDer jugoslawische Autor Dzevad Karahasan hat mit seinen „Berichte aus der dunklen Welt“ eine gelungene Ansammlung prosaischer Texte veröffentlicht, die sich aus realen Ereignissen und historischen Figuren speisen. Eine eindrucksvolle Lektüre für jedermann, der eine neue Perspektive auf den Balkan gewinnen möchte.
In ihrem 1943 veröffentlichten Reisebericht „Black Lamb and Grey Falcon“ schreibt Rebecca West: „Gewalt war in der Tat alles, was ich über den Balkan wusste.“ Ganz ehrlich: dieser Leitsatz kann, knapp 70 Jahre später, für einen Großteil der deutschen und vermutlich auch europäischen Bevölkerung gelten. Der Balkan, das ist die Geografie des an die Peripherie gedrängten europäischen Krieges, ein grausamer Schauplatz ethnischer Konflikte. Nicht allzu lange ist es her, als ein Buch mit dem Titel „Ich bin ein Mädchen aus Sarajewo“ in hoher Auflage in den Buchläden erschien. Und dieses Mädchen hätte ebenso schreiben können: Ich komme geradewegs aus der Hölle. Über den Balkan zu schreiben, bedeutet, einen Weg durch diese allmächtige Vorstellung von der „dunklen Welt“ zu finden, ohne auf der anderen Seite in eine romantische Utopie der multikulturellen Gesellschaft zu münden. Dzevad Karahasan, 1953 in Duvno (Jugoslawien) geborener Autor und Dramatiker, hat sich dieser Problematik in einer erzählerischen Mixtur aus Fiktion und historischer Darstellung gestellt. Sein Buch „Berichte aus der dunklen Welt“ umfasst vier Erzählungen, die allesamt, wie der Autor selbst versichert, „vom Schicksal realer Menschen berichten“. Herausgekommen ist ein kluges und oftmals überraschendes Buch, das die dunkle Welt des Balkans und seine Bewohner, deren Schicksal tief mit den politischen Geschehnissen verwoben ist, eine eigene Poetik zu verleihen sucht. Eine Poetik, die sich gegen einen fremden, westeuropäischen Diskurs zur Wehr setzt, der dieser Region oktroyiert wurde – die Historikerin Maria Todorova spricht in diesem Sinne von der „Erfindung des Balkans“. In der wohl bemerkenswertesten Erzählung „Briefe aus dem Jahre 1993“ klagt ein junger Student ganz in diesem Sinne: „aber warum ist Sarajevos Literatur dermaßen durchtränkt von Düsternis und unappetitlichem Pathos?“ Die Erzählungen Karahasans sind indessen weit davon entfernt, diesen Pathos der Düsternis in einen der Freude zu kehren. Die Schwere des Exils durchzieht das Werk wie ein roter Faden. Die Figuren wirken wie Gefangene ihrer eigenen Lebensgeschichte. Die Gewalt der Ereignisse trieb sie aus der Heimat fort. Sinnlos der ungewollten Gegenwart eine Bedeutung zu verleihen und völlig unmöglich, das Vergangene zurückzuerobern, ist es einzig die Zukunft, die sich ertragen lässt, weil sie „niedrig dosiert ist“. So ist die Erzählung über den Protagonisten der Auftakterzählung „Anatomie der Traurigkeit“ gerade deswegen so ernüchternd, weil sich ganz langsam Tropfen für Tropfen die Leere in der Existenz des Emiliano Montecchi zu erkennen gibt. Ganz allmählich kommt der Leser mit dem fiktiven Zuhörer der Geschichte zu der Erkenntnis, dass es für Emiliano Montecchi keinen Ausweg gibt, dass „manchmal Zeiten kommen, in denen der Niedergang die einzige ehrbare Lösung ist“. Der Erzähler aus „Das Prinzip Gabriel“ dagegen vermochte lange Zeit erfolgreich die verheerende Geschichte Bosniens im 20. Jahrhundert zu ignorieren, ehe er in Theresienstadt im Archiv auf Dokumente über den Attentäter von 1914, Gavrilo Princip, stößt. Immer wieder bricht die konfliktreiche Vergangenheit Bosniens über die Protagonisten herein. Die Erzählungen wirken wie eine Operation an einer offenen Wunde, die nicht verheilen will. Der Titel des Buches wie das Booklet sind leider irreführend. Denn sowohl der Titel „Berichte aus der dunklen Welt“ als auch das auf der Rückseite des Werkes gegebene Versprechen, Karahasan suche „Antwort auf aktuelle Fragen, die tief in die europäische Geschichte zurückreichen“, sind zwar nicht falsch, wirken aber doch allzu trocken. Sie lassen essayistische Betrachtungen des bosnischen Schriftstellers erwarten. Das Konzept ist dagegen ein ganz anderes. Stets wird eine fingierte Rahmenhandlung mit Quellen und realen Ereignissen verwoben. Die manchmal seitenlangen metaphysischen Überlegungen des Erzählers zum Beispiel in „Briefe aus dem Jahre 1993“ sind sicherlich nicht jedermanns Geschmack, doch die Lebensgeschichten und Schicksale, die Karahasan aufdeckt, sind aufreibend und einfühlsam erzählt. Das Buch „Berichte aus der dunklen Welt“ ist wahrlich dazu geeignet, neue Perspektiven auf den Balkan, Bosnien-Herzegowina und Sarajevo zu entfalten. In seinem Nachwort fragt Karahasan: „Wo zeigt und entwickelt sich die Geschichte schon so stürmisch, verdichtet und grausam wie in Bosnien?“ Die Frage, in welchem Verhältnis Bosnien und dunkle Welt stehen, lässt er vorsichtig offen. Dass der Autor hier eine solche Vorsicht walten lässt und eine klare Antwort scheut, ist schon etwas überraschend und eigentlich auch ein klein wenig enttäuschend. Vielleicht hat Mark Mazower nachhaltig recht getan, als er seiner Geschichte des Balkan ein Zitat von Friedrich Nietzsche voranstellte: „der Schein von Anbeginn wird zuletzt fast immer zum Wesen und wirkt als Wesen!“ Dzevad Karahasan: Berichte aus der dunklen Welt, Insel Verlag, Frankfurt 2007. 19,80 Euro
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