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Martin Becker: Ein schönes LebenDas Leben unter dem VergrößerungsglasVon Nils VollertMartin Becker hat jüngst auf dem Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb auf sich aufmerksam machen können. Der literarische Newcomer, 1982 im Sauerland geboren, hat seine erste eigenständige Veröffentlichung vorzuweisen: „Ein schönes Leben“. Ein überaus gelungener Erstling über das nackte Überleben in der Provinz.
Ein schönes Leben. Die schäbige Provinz. Erzählungen über folgenlose Morde, deplazierte Super-Kaffee-Automaten, Geburtstagsfeiern mit blutigen Folgen. Figuren wie an die Wand gefahren, mit Reifenspuren im Gesicht: Odradek, der sich entscheiden muss, ob er lieber zum Meer fahren will oder sich gleich aufhängt. Ein Mann, dessen Welt im Chaos versinkt, sofort nachdem er seinen Heimathof in der Einöde verlassen hat. Oder der Vertreter, der unbedingt einen dicken Auftrag an Land ziehen muss, weil er sonst an den Schulden seiner 0190-Telefonate zugrunde geht: er braucht doch jemanden zum Reden. Ein schönes Leben. Erzählungen aus der Provinz. Figuren, die der Logik ihres eigenen Daseins nicht entkommen können – und daran verzweifeln. In diesem Irrgarten, den Martin Becker in seinen Erzählungen konstruiert, sind sie die Kafka’schen Mäuse, die die Falle vor sich wissen und hinter sich die grausame Katze Schicksal ahnen. „Ist das der Kindergarten?“, zitiert Becker eingangs aus Samuel Becketts „Murphy“. „Nein“, sagte Ticklepenny, „die Leichenhalle.“ Der beißende Sarkasmus dieser Szene spiegelt das Verhältnis zwischen dem Titel des Buches und der Dramaturgie der einzelnen Erzählungen perfekt wider. Es geht mitnichten ums ländliche Idyll, ums pralle Leben. Tod und Selbstmord als höchste sinnbildliche Konzentration der empfundenen Ausweglosigkeit, welche die Figuren der einzelnen Erzählungen miteinander eint, durchziehen das Buch; das nackte Überleben bleibt das vorherrschende Thema. Nun ließe sich freilich einwenden: Ein Buch über das ländliche Idyll, eine dem Künstlerhabitus gerechte Abrechnung mit der Provinz und dem provinziellen Denken – wer braucht denn so etwas noch? Doch Martin Becker gelingt es, durch Sprachwitz und eine heimliche Sympathie für seine „Provinzler“ eine überzeugende Erstveröffentlichung vorzustellen. Und er ist für manch ein „unwahrscheinliches Ende“ gut. Die Komposition dieses Bandes weiß zu überzeugen. Es lässt sich keine Erzählung benennen, die qualitativ aus dem Rahmen fiele, folglich auch keine, die sich herausragend über die anderen legte. Neben der schon im Zuge des Ingeborg-Bachmann-Wettbewerbs bekannt gewordenen Erzählung „Dem Schliff sein Tod“ mag vielleicht noch „Gesellschaft“ sehr zu gefallen (vielleicht aber auch eine andere). Der Ich-Erzähler aus „Gesellschaft“ arbeitet als Vertreter und lebt von den Provisionen, die er für einen abgeschlossenen Vertrag mit einem potentiellen Kunden erhält. Es gibt nur eine Regel, an die er sich in diesem Job zu halten hat: „Mach Dir keinen Kopf. Jeder weiß, was er tut.“ Irgendwann sitzt er mit einem Kollegen in einer Kneipe, sie trinken ein Bier, und plötzlich beginnt der Kollege, sich einen Kopf zu machen: „Erst geht’s gut. Dann gehen sie kaputt. Verlieren alles.“ Und dann macht auch der Erzähler sich einen Kopf: „Die Leute merken das und unterschreiben nicht mehr.“ Er schafft keinen Vertrag mehr. Weil er mit irgendjemandem reden muss, wählt er 0190-Nummern und versinkt noch tiefer in Schuldenbergen. Schließlich steht er mit dem Rücken zur Wand und muss unbedingt einen Vertrag abschließen, sonst fliegt er. Ausgerechnet da kommt er zu einem geistig völlig verwirrten, aber freundlichen alten Herrn, der ihn an seinen 80-jährigen Kumpel aus der Nachbarschaft erinnert. Besonders gelungen ist in dieser Erzählung die Motivdopplung vom „alten Herrn“. Der Autor zieht den Strick um den Erzähler hier so eng, dass einem als Leser selbst die Spucke wegbleibt. Die Entscheidung, die der Vertreter letztlich im Hause des verwirrten Rentners, von dessen Unterschrift sein Leben abhängt, trifft, ist verständlich. Und doch – der beste Kumpel aus der Nachbarschaft gerät in Vergessenheit und beginnt zu stinken. Nicht alle Erzählungen enden dermaßen verzweifelt. Die Geschichten der einzelnen Figuren sind wie ein Pendelschlag zwischen der Katze Schicksal, die sich Leben nennt, und dem Tod. In manchen der Erzählungen keimt zum Schluss Hoffnung auf, und es gehört zu der Pendelbewegung der Erzählungen, dass dies ausgerechnet auf die hoffnungsloseste Geschichte „Pastorale“ in ganz besonderem Maße zutrifft. Manche der Protagonisten lernen, sich in ihrem Leben einzurichten, so hart es auch erscheinen mag, sie decken nach langer Suche die Sonnenseite auf; andere wählen den sichersten Ausweg. Und wiederum andere trifft es ganz unerwartet – wie in „Liben“. Und so ist, genau betrachtet, das erste Buch Martin Beckers nicht einfach nur eine liebevolle Abrechnung mit der Provinz. Es ist vor allem eine Sezierung des menschlichen Lebens, des Miteinanders, der vollzogenen und unterlassenen Handlungen, und die lässt sich besonders gut dort vollziehen, wo sie in besonderem Maße sichtbar ist. „Ich bin also ein Menschenkind aus dem Fahrwasser der Kleinstadt, nicht der Rede wert, aber in der kleinen Stadt siehst Du alles doppelt scharf, siehst es unter dem Vergrößerungsglas und in Zeitlupe: Wie alles vor die Hunde geht, vor die Wand fährt, auseinanderfällt, aufhört, im Getriebesand der Industriemaschinen ersäuft.“ Martin Becker präsentiert einen verheißungsvollen Erstling. Martin Becker: Ein schönes Leben, Luchterhand Literaturverlag 2007, 17,95 Euro
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