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Hape Kerkeling: Ich bin dann mal weg

Pilgern als Parabel zum Leben

Von Heidrun Ochs

Shirley MacLain und Paolo Coelho waren schon auf dem Jakobsweg unterwegs und haben drüber geschrieben. Muss jetzt auch noch Kerkeling sein? Ja, denn er nimmt seine Leser wirklich mit, erspart uns den moralischen Zeigefinger - und von seinem Sprachwitz bekommt man ohnehin nie genug.

»Wer Schmetterlinge lachen hört, der weiß, wie Wolken schmecken, wer in sich fremde Ufer spürt und Mut hat, sich zu recken, der wird im Mondschein ungestört sich selbst entdecken.« Wohl kaum andere Zeilen als diejenigen von Novalis könnten das Reiseerlebnis Hape Kerkelings besser zusammenfassen. Denn der Jakobsweg, so erfährt der Leser, wird von zarten Faltern gesäumt. Sieht man keinen von ihnen, dann ist das ein sicheres Indiz dafür, dass man vom Pfad abgekommen ist.

Ein Hörsturz und Gallensteine lassen Hape Kerkeling 2001 gewaltig die Notbremse ziehen. Er, aus der Kirche ausgetretener Komiker, will sich selbst und Gott finden und mit sich und seiner Welt wieder ins Reine kommen. Nicht nur seine Freunde, auch er selbst hält die Idee, diese Ziele durch Pilgern zu erreichen, für verrückt. Jeder andere in seiner Situation würde eine Kur beantragen und nur noch relaxen wollen. Wer weiß schon was Kerkeling reitet, 800 km quer durch die spanische Pampa zu latschen. Er selbst weiß es nicht, kommentiert lakonisch: »Ich wurde gerufen.« Und so zwängt er sich in seine Wanderschuhe, packt einen elf Kilogramm schweren Rucksack in Signalfarbe, zieht sich ein Käppi in ebensolcher auf und zieht los. Zunächst treibt ihn die Angst, auf Nimmerwiedersehen verloren zu gehen.

Zu Ende seiner Pilgerreise resümiert er, dass er Wandern immer noch nicht mag, dafür aber jede Menge Antworten auf seine Fragen bekommen habe und genau davon erzählt dieses Buch. Im Laufe der Zeit beschließt er, dass seine Tagebuchaufzeichnungen einen so reichen Erfahrungsschatz bieten, dass er diesen auch anderen Menschen zukommen lassen möchte.
Das stundenlange, einsame Wandern lässt auch gar keine andere Möglichkeit zu, als sich mit sich selbst und den drängenden Fragen, die das Leben stellt, auseinander zu setzen. Einige Passagen sind von einer solch schonungslosen Offenheit und es offenbaren sich Seiten an dem Menschen Hape Kerkeling, die man nie und nimmer vermutet hätte. Hape Kerkeling dringt in tiefe Schichten vor und fördert Erstaunliches zutage. Die großen Fragen nach Leben und Tod und dem Sinn des Leids treiben ihn auf seinem Weg förmlich voran. Einmal wird Kerkeling sogar zum heroischen Retter eines kleinen Hundes mit rotem Fell.

Hilfreich sind all die kleinen Zeichen auf dem Weg, die der Autor wie Mosaiksteine aufsammelt und zu einem Großen und Ganzen fügt. Hell und Dunkel, Licht und Schatten kreuzen seinen Weg. Er meditiert im Kreuzgang eines Klosters und lernt von Jose, einer toughen Niederländerin, dass, wenn er etwas brauche, er dies nur beim Universum bestellen müsse. Kerkeling probiert es aus – und es klappt! Dieser Weg ist voller Wunder und Hape trifft auf Menschen, mit denen er sich prächtig versteht und die ihm viel dabei helfen, das Rätsel zu lösen, was für ein Mensch er denn sei.

In der Schule hat er Französisch, Spanisch und Italienisch gelernt, was sich als äußerst hilfreich erweist. Der Weg selbst aber kennt Fächer, die an keiner Schule unterrichtet werden, die aber unentbehrlich sind, will man sein Leben bestreiten. Da wären zu nennen: Vertrauen, Humor, Zweifel, Wut, Gegenwärtigkeit, Herzlichkeit, Konstanz, Aufmerksamkeit, Gelassenheit, Konsequenz, Loslassen, Mut und die Bereitschaft, Gott in sein Leben einzuladen. Die Lehrmeister sind manchmal unerbittlich und manchmal auch witzig und nicht nur Kerkeling, auch der Leser lernt einige der Lektionen dieser Reise. Der Pilgerzug, so folgert Kerkeling, lasse sich wie eine Parabel des Lebens deuten. Jeden Tag fasst er seine Erlebnisse in einer Erkenntnis zusammen.

Es ist ein Buch, das ich seit langer Zeit mal wieder verschlungen habe. Kerkeling erweist sich hier als Narr im althergebrachten Sinne, man bekommt den Spiegel vorgehalten und lacht dabei, obwohl es einem mitunter auch bitter aufstößt, seinen eigenen Macken und Schwächen auf die Schliche zu kommen. Der Autor hat ja aktuell angekündigt, dass er sich wieder bis 2009 aus dem Showbusiness zurückziehen will, um sich dem Schreiben zu widmen. Da jubelt der Leser in mir! Mehr davon! Diese teilweise überraschenden, skurrilen und nicht immer unbestrittenen Gedankengänge, davon kann es gar nicht genug geben!

Die Erkenntnis des Lesers nach Beendung der Lektüre lautet: Man muss nicht die beschwerliche Pilgerreise nach Santiago de Compostela auf sich nehmen, sie ist nur eine von unendlichen Möglichkeiten, das Wunder zu entdecken, das man ist. Wichtig ist, dass man lernt, bewusst und aufmerksam sein Leben zu leben.

Hape Kerkeling: Ich bin dann mal weg. Meine Reise auf dem Jakobsweg, Piper Verlag, München 2006, 19,90 Euro.

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