» Über Wortgestöber    » Impressum    » RSS-Feed Donnerstag, 11. März 2010
Sie sind hier: BesprochenBelletristik : Ist Liebe ein Tuwort?

Arnold Stadler: Komm, gehen wir

Ist Liebe ein Tuwort?

Von Claudia Schuh

Capri. Es ist Sommer. Es ist heiß. Drei Menschen treffen aufeinander. Rosemarie und Roland, ein Paar, und Jim, aus Florida. Drei Leben, drei Mal Liebe. Eine – die zwischen Roland und Jim – darf nicht sein. Büchner-Preisträger Arnold Stadler erzählt von tragischer Liebe, Homosexualität, Katholizismus und Schwaben.

Auf Capri, da war immer Tante Paula. „Das Schönste auf der ganzen Welt!“ sei der Ort, hat sie dem kleinen Roland früher vorgeschwärmt. Roland, inzwischen Philosophiestudent in Freiburg der 70er Jahre, will mit Rosemarie endlich auch hin. Beide studieren, wollen demnächst heiraten. Ob sie mögen, dahinter steht bei beiden ein großes Fragezeichen. Die Absicht, das Wollen, ist aber klar erkennbar. Vorverlegte Flitterwochen soll der Italienurlaub werden. Auf Capri findet Roland dann wirklich, wie Tante Paula, das Schönste auf der Welt: Jim, den Amerikaner, der eigentlich italienischer Abstammung und dort auch ein Suchender ist. Alle drei sind sie Suchende. Und sie finden hier, in der Fremde, für einen kurzen Augenblick die Liebe. Als sie beginnen, über sie nachzudenken, ist sie schon wieder weg.

Roland entdeckt in Jim seine eigene homosexuelle Neigung. Die war zwar schon immer da, doch er hat sie sich nie eingestanden. Ängstlich haben die Eltern schon beobachtet, wie dieser als Kind zum Ballett ging und Röckchen trug. Als Rosemarie in Rolands Leben trat, war die Erleichterung der Eltern denkbar groß. Rosemarie findet ebenfalls an Jim Geschmack, wie dieser die spitzen Felsen auf Capri entlang schlendert und nach „einem Schluck Wasser“ fragt. Danach war’s geschehen. Jeder geht mit jedem ins Bett. Auf Capri guckt die Welt nicht zu. Die „Rauschzeit“ der Drei ist schnell vorbei. Und wie immer tut der Kater danach besonders weh.
Zurück daheim, im katholisch-konservativem Schwaben, bleibt zwar Jim für kurze Zeit der Dritte im Bunde. Doch bald verschwindet er wieder. Von ihm bleiben nur regelmäßige Briefe, ihnen denen er für seinem Leben und seiner Ehe in den Staaten schreibt. Rosemarie nimmt nach einigen Ehejahren ebenfalls Reißaus. Nach und nach wird Stadlers Konstruktion etwas wirr. Beim Wiedersehen Jims mit Roland hat Stadler glücklicherweise dem Leser durch eine geschickte Wendung ein kitschiges Ende erspart.

Raffiniert ist eines an diesem Buch: Beginn und Ende der Liebe verbindet der Autor mit der kurzen Schaffenszeit Johannes Paul I. Am 26. August 1978, als weißer Rauch im Vatikan aufsteigt, stehen die Liebestollen auf dem Petersplatz. 33 Tage später, als sie in Deutschland von dessen plötzlichen Tod erfahren, sitzen sie bereits mit steinernen Mienen auf dem Bett. Rosemarie ist schwanger. Und die Liebe zu Jim ist tot. Das Theologische und Erotische geht bei Stadlers Büchern stets Hand in Hand.

„Komm, gehen wir“ ist insgesamt Stadlers stärkstes Buch nicht. Lesenswert wird es immer an den Stellen, in denen es um Stadlers ureigenste Welt, um sein „badisch-schwäbischen Sibirien“ geht: Die provinziellen Figuren sind sehr lebensnah: keine Schablone, sondern Menschen, die man belächelt und dennoch liebenswert findet.

Arnold Stadler: Komm, gehen wir. S. Fischer Verlag, 396 S., 18,90€

DruckversionDruckversion  Artikel versendenArtikel versenden  Email an AutorEmail an Autor  Kommentar schreibenKommentieren

Das könnte Sie auch interessieren:


Die neuesten Kommentare




Kommentar verfassen





Neues vom Film

» Grün, überall grün!
Sandra Nettelbeck ("Bella Martha") dreht "Helen" im kanadischen Vancouver.

» "Die haben gemerkt, dass ich ihnen gern zuhöre"
Gespräch mit Sung-Hyung Cho über Angeber-Bauern und ihren Film "Full Metal Village"

» "Stärke durch Schwäche"
Maria Schrader verfilmt Zeruya Shalevs "Liebesleben".

Thema Theater

» Wir sind zuständig für mehr Humanität"
Interview mit Roberto Ciulli, künstlerischer Leiter und Intendant des Theaters an der Ruhr.

Thema Literatur

» Motherfucker, hoppla, Vögelfantasien
Moritz von Uslar stellte seinen Roman "Waldstein" im Literaturhaus München vor.

 (c) Wortgestöber 2001 - 08 | Alle Rechte vorbehalten | Powered by Movable Type