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Jean-Philippe Toussaints "Sich lieben" und "Fliehen"

Die Liebe, dieser Schmerz

Von Nils Vollert

Der belgische Autor Jean-Philippe Toussaint gilt als einer der großen der Gegenwart. Mit seinen Büchern „Sich lieben“ und „Fliehen“ bestätigt er diese Reputation eindrucksvoll. Das Werk über ein Paar, das sich voneinander trennen möchte, doch dazu nicht imstande ist, greift das Wesen der Liebe von einem ungewohnten Punkt: Dem Moment des Noch-Nicht-Hassens.

Jean-Philippe Toussaint.

Liebesromane und -filme enden in aller Regel mit dem ersten Kuss, der Hochzeit, der Versöhnung. Auf eine Problemgeschichte folgt der katharsische Abschluss: Nachdem das Paar einige Hürden überwinden musste, stolpert es letztlich in das gemeinsame Liebesglück. Ende gut, alles gut. Oder nicht?

Michel Gondry hat in seinem schicksalsträchtigen Film „Vergiss mein nicht“ einmal die Logik dieser Liebeserzählungen entlarvt, indem er die Protagonisten seines Filmes in einer Zeitschleife gefangen hielt: Das unterschiedliche Paar gespielt von Jim Carrey und Kate Winslet kann den Schmerz ihrer Trennung nicht verkraften, und deswegen bedienen sich beide einer neuen ärztlichen Methode der „Erinnerungsradierung“.

Auf Wunsch werden alle Gedanken an die verflossene Liebe getilgt und somit die Erinnerung an den Liebespartner überhaupt. Das Problem nur: Die beiden verlieben sich immer wieder aufs Neue ineinander und bleiben somit stets im Stadium ihrer pathetischen Liebe gefangen, nicht fähig und willens, den Schmerz und den Dissens in ihre Liebe zu umschließen.

Hätten die beiden nur die neuen Bücher des belgischen Schriftstellers Jean-Philippe Toussaint gelesen! Dann hätten sie vielleicht erfahren, dass Liebe nur dort ans Ende gedacht werden kann, wo sie den Schmerz und das Leid einschließt, die Sexualität und die Gewalt. Toussaint inszeniert die Liebe in seinen beiden Romanen „Sich lieben“ und „Fliehen“ als eine endlose Geschichte des Sich-Noch-Nicht-Hassens.

Es ist der Moment, in dem ein Paar beschlossen hat, sich zu trennen, doch dazu die Kraft noch nicht besitzt, bei dem Toussaint verweilt. Ein Moment, in dem Schmerz und höchste Erregung zu einer Symphonie zusammenfließen, die wahrlich jeden Ton anklingen lässt. Toussaint erzählt das auf seine ihm eigene Weise, ohne Pathos, in erregenden Impressionen aus Lichtspielen und geometrischen Figuren, aus der Sicht eines gehetzten Erzählers.

Marie, französische Modeschöpferin, und der Erzähler haben beschlossen, sich zu trennen. Eine letzte gemeinsame Reise soll den Rest ihrer verblichenen Liebe verheizen. Es geht nach Tokio, wo Marie eine Ausstellung begleiten soll. Das Verhältnis der beiden zueinander ist während der gesamten Reise exzessiv. Augenblicke von Gewalt und Abscheu wiegen sich mit Minuten innigster Vertrautheit auf.

Toussaint gönnt seinen beiden Figuren keinen Schlaf, lässt sie wie barfüßige Gespenster durch die Glimmerwelt Tokios wandeln. Von Anbeginn trägt der Erzähler ein Fläschchen Säure mit sich herum, „mit der Idee, sie eines Tages jemandem mitten in die Visage zu schütten“. Und als die Situation zwischen Marie und dem Erzähler immer weiter aus den Fugen des vernünftigen Umgangs gerät, verliert auch die kleine Flasche ihren Inhalt...

Der Beginn des zweiten Romans über das streitlustige Paar „Fliehen“ gibt sofort die Richtung an, in der sich auch dieses Buch bewegt: „Hört das denn nie auf mit Marie?“. Den Erzähler hat es nach Shanghai verschlagen, wo er einem Mitarbeiter Maries einen Geldbetrag überreichen soll. Vor Ort lernt er die aufregende Li Qui kennen und spürt sofort eine gemeinsame innige Zuneigung. Doch gerade als die beiden sich näher kommen, ruft Marie auf dem Handy an: Ihr Vater ist gestorben, der Erzähler beschließt sofort die Heimreise.

Die Intensität, mit der Toussaint die leidvolle Geschichte dieser beiden Liebenden beschreibt, lässt sich schwerlich in Worte fassen. Der Leser wird in eine Traumwelt aus faszinierenden Lichtspielen und Farbschattierungen gezogen. Es ist, als nähme der Erzähler alle seine Emotionen wie durch eine Lupe wahr, stärker und unüberwindbarer als sie real je sein könnten. Vergleiche dieser Erzähltechnik etwa zu David Lynch liegen auf der Hand, und Toussaint selbst hat auf diese in Interviews hingewiesen.

Mit dem Erzähler in „Sich lieben“ und „Fliehen“ ist es wie mit jener Figur aus Lynchs Film „Mulholland Drive“, der an einem Tisch sitzt, Kaffee trinkt und plötzlich mit seinem eigenen Traum konfrontiert wird: eine Intensivierung der Wahrnehmung von Schmerz und Glück, von Licht und Dunkelheit durch das Ineinandergleiten von Traum und Realität, eine Erhöhnung des Pulsschlags, der rhytmisch eine Katastrophe ankündigt.

Toussaint sagte über den ersten Teil dieses Werkes „Sich lieben“, dass es sein bislang schönstes sei. Vielleicht ist diese Erzählung, die sich in „Fliehen“ nicht weniger eindrucksvoll fortsetzt, sogar einer der schönsten Liebesgeschichten, die jemals erzählt wurden. Und je länger und intensiver man als Leser in diese Bücher hineingesogen wird, umso mehr wünscht man sich, dass diese Geschichte wahrlich endlos ist, dass der Vorgang der Trennung immer fortdauere bis auch dem letzten Leser klar wird, dass dieses Werk nicht aus der Feder eines Zynikers, sondern eines hoffnungslosen Romantikers entsprungen ist.

Ein großes Kompliment gilt auch den beiden Übersetzern dieser Werke Bernhard Schwips und Joachim Unseld. Wie hervorragend diese Übersetzung gelungen ist, lässt sich mit der Übersetzung des Titels des ersten Buches andeuten. Aus „Faire l’amour“ wurde im deutschen das exzellente „Sich lieben“. Damit führt die Übersetzung ein Wortspiel ins Feld, welches sich wunderbar in den Geist dieses Buches einschreibt. Das reflexive Pronomen „sich“ deutet auch die Selbstbezüglichkeit, die Selbstsucht der beiden Protagonisten an, die ihre Liebe zueinander entzweit und nimmt doch die sexuelle Annotation des „Faire l’amour“ nicht gänzlich heraus.

Jean-Philippe Toussaint: Sie lieben. Btb Verlag, September 2006

Jean-Philippe Toussaint: Fliehen. Frankfurter Verlagsanstalt, Februar 2007

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