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Jón Kalman Stefánsson: Das Knistern in den Sternen

Afrika? Pazifik? - Island! Und die Liebe.

Von Heidrun Ochs

Vorhang auf! Unter dem Sternenglanz des Himmels werden in Island wunderschöne Liebesgeschichten geboren. Voller Leidenschaft, voll pulsierenden Lebens und voller Poesie. Jón Kalman Stefánssons "Das Knistern in den Sternen" ist so eine.

Ein Mann um die vierzig steht am Fenster, blickt hinaus und sieht einen riesengroßen Tag, viel größer, als er ihn sich vorstellen kann. Er selbst ging aus so vielen Zufällen hervor, dass er auch das kaum zu glauben vermag. Das Leben in Reykjavik ist klein und überschaubar und spielt sich zwischen Frisiersalon, Söbekks Kiosk und Boðvars Bäckerei und dem Stoffgeschäft Vogue ab.
Der Urgroßvater kommt nach Reykjavik auf der Suche nach Abenteuer und einem Leben voller Leidenschaft. Er arbeitet zunächst in einer Druckerei, dann als Immobilienmakler, sieht seinen Aufenthalt nur als Durchgangsstaion. Er besäuft sich mit Gísli, ihr Schlachtruf “Afrika! Pazifik!” ist Synonym für ihren Traum nach Weite und Exotik.

Der Urenkel erinnert sich an seine Kindheit, daran, dass plötzlich eine Frau aus dem Schlafzimmer seines Vaters auftaucht, Hafergrütze kocht und zum Frühstück serviert. Sie schweigt, der Junge entdeckt die Macht des Schweigens, die Gegner in völliger Verwirrung kapitulieren lässt. Schweigen verschafft eine Aura der Unantastbarkeit.

Der Urgroßvater lebt ein Leben voller Risiko, eines Morgens erwacht er nach einem grandiosen Besäufnis auf einem Bauernhof, er hat sich im Vollsuff dem Bauern auf ein Jahr als Knecht verdingt. Ein anderes Mal verspricht er einem depressiven Engländer, dessen Leben zu beenden. Einmal ruiniert er sich fast, als er für den Blick in die Augen einer Frau ein Grundstück weit unter Wert verkauft. Als der Quartalssäufer bei einem nächtlichen Ausflug aufs Dach, um dem Nordlicht näher zu sein, abstürzt, behält er durch einen zweimaligen Bruch einen empfindlichen Arm zurück und wegen dieses empfindlichen Arms verliebt sich die Urgroßmutter, herrliche siebzehn Jahre jung, in diesen Abenteurer. Die Leidenschaft entflammt den Urgroßvater und den Leser gleichermaßen. Wahrhaft groß sind die Tage in Island.

Die Großmutter sieht den zukünftigen Mann ihrer Tochter auf seinem Weg zum Bauplatz. Sie stellt ihm laut die Frage, vor was er Angst habe, weil er offensichtlich vor etwas weglaufe. Da hebt ihre Tochter die Augen, sieht den Mann, öffnet das Fenster und lädt ihn zum Kino ein. Was dann folgt, ist die wundervolle Beschreibung des Verliebtseins, der Schmetterlinge im Bauch und des namenlosen Verwirrtseins. All die Gefühle, die mit Wucht treffen, den Boden unter den Füßen wegziehen, sind wunderbar beschrieben. Knisternde Erotik beim ersten Zusammentreffen. Sie hat sich von ihrer Freundin ein Gedicht auf den Leib schreiben lassen. Ihm fehlen die Worte. Die Liebe trifft ihn mit der Wucht einer Flutwelle, umfängt ihn wie die alles umhüllende Dunkelheit der Nacht, bindet zwei Herzen mit einem unauflöslichen Band aneinander.

Der Urgroßvater kann das Saufen nicht lassen. Ein Abstieg in eine feuchte Kellerwohnung beginnt und die Urgroßmutter zeigt wahre Stärke, sie verlässt den Urgroßvater nicht, sondern versucht den Lebensstandard durch Waschen und Nähen aufrecht zu erhalten.

Nicht nur von der alles verschlingenden Kraft der Liebe erzählt dieses Buch, sondern auch von der Opferbereitschaft der Liebenden. Die Mutter des Autoren folgt nicht ihrer Schwester nach Prag, wo dunkelhaarige Geiger und gut gelaunte Barkeeper warten, sondern sie folgt einem jungen Maurer in eine Wohnung in einem Hochhausblock, sie stirbt, als der Autor sieben ist und lässt ihn ohne die wärmsten Hände und Augen, die allen Schmerz dieser Welt auszuschalten vermögen, zurück.

Ein Buch über die Bedeutung der Liebe und die Macht der Worte, die Leben verhindern oder aber neu schenken können. Ein Buch, das die grandiose Landschaft Islands einfängt, die Einsamkeit in den Bergen, in denen der Gletscher wie ein König über allem thront. Der Autor setzt seinem Urgroßvater ein Denkmal, einem im Grunde völlig unberechenbaren Menschen, der nur durch die Liebe seiner Frau immer wieder ins Leben zurückgeholt wird.

Jón Kalman Stefánsson: Das Knistern in den Sternen, Reclam Leipzig, Preis: 18,90 Euro

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