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Florian Illies: Ortsgespräch

Bröckelnde Heimat

Von Heidrun Ochs

Florian Illies porträtiert in seinem Buch "Ortsgespräch" sein Heimatdorf Schlitz, beschreibt Landeier und wie eine Rose aus der Heimat auf einem Balkon in Berlin blühen soll. Heidrun Ochs findet das Buch toll. Ein offener Brief.

Herr Illies, Sie haben da ein Buch geschrieben, das Landeier zu Tränen rührt und das nicht nur, weil Sie Ihre Heimatstadt Schlitz und die Bewohner liebevoll portraitieren. Und als meiner Nachbarin durch eine falsch eingesetzte Abzugsklappe im Herd die Küche abbrannte, griff sie zum Trost nach Ihrem Buch und lachte, bis besagte Tränen kullerten. Nachher gestand sie mir, dass sie selbst an Geburtstagsfesten mit Torten in der von Ihnen geschilderten Reihenfolge aufwarte. So ist es eben, das Leben auf dem Land.

Jetzt aber mal ernsthaft: Die Landeier, das sind Migranten in der großen Stadt. Erstaunt registrieren sie das geschäftige Treiben in den Straßen und Gassen und leiden im Stillen unter der Anonymität, die sich als Sachlichkeit tarnt. Und wenn man sich Ihr Konterfei auf der Innenseite des Schutzumschlags anschaut, meint man auf den ersten Blick, Sie lächeln. Auf den zweiten Blick sieht man, dass Sie eigentlich traurig aussehen und erinnert sich an die Szene in Doris Dorries Film „Männer“, in der das Mädchen sagt: „Du hast so einen geschiedenen Zug um den Mund!“ Genauso erscheinen Sie und genau das empfindet man, wenn man „Ortsgespräch“ liest.

Dann diese Szene, in der Sie auf dem Balkon in Berlin die von Manufactum versandte Rose auspacken und die Schlitzer Erde Ihnen entgegenbröckelt. Ja, den Landeiern geht es wie dieser Rose: Man soll auf einem Balkon in Berlin blühen, die Wurzeln aber stecken im „Mutterboden“. Und man weiß nicht recht, was man machen soll: Ganz zurückziehen will man diese Wurzeln auch nicht, also lässt man sie ganz lang austreiben, man kann sich nicht endgültig an das Leben in der großen Stadt gewöhnen, aber in den kleinen Tälern entlang des Vogelsbergs, in den kleinen schmucken Fachwerkstädtchen und Dörfern, da kann man auch nicht mehr leben. Das Gute: Kehrt man zurück, ist die Zeit stehen geblieben, was daran liegt, dass man eindeutig seine Identität behält, man wird stets als derjenige in Erinnerung behalten (und auch konserviert), als der man gegangen ist.

Und man kann sich sicher sein, dass die Bindungen funktionieren, denn auf dem Land leben Menschen, die ihre Ursprünglichkeit bewahrt haben, deren Urteil man vertraut, weil sie Herzen aus Gold haben. Hier ist Vertrautheit aus Bindung gewachsen, das hält stark wie Pech und Schwefel, denn nichts ist geschminkt, alles hat seinen festen Platz. Mit dieser Sicherheit und Vertrautheit gewappnet, kann man sich getrost in die große weite Welt trauen und das darf man auch mit Frechheit verteidigen. Vieles von dem, was vehement verfochten wird, das ist nur ein Symbol. So ist die Betrachtung der Landschaft immer auch verbunden mit Emotionen, mit den Menschen, mit denen man Prägendes erlebt hat und das ist weit gefasst und kann schon hinter einer Hügelkuppe beginnen, hinter der erste Dörfer auftauchen, die Merkmale aufweisen, die denjenigen des „Heimatstädtchens“ ähnlich sind. Und deswegen werden nicht nur Bewohner der Stadt Schlitz Ihr „Ortsgespräch“ zu schätzen wissen.

Illies, Florian: Ortsgespräch, Blessing, Preis: 16,95 Euro

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