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Thomas Glavinic: Die Arbeit der Nacht

Allein mit dir selbst

Von Claudia Schuh

Jonas wacht eines morgens auf und die Welt um ihn herum ist leer. Kein Mensch auf den Straßen. Im Telefon und im Fernseher nur Rauschen. Nirgends ein Anzeichen eines Anschlags oder einer Katastrophe. Jonas versteht die Welt nicht mehr. Was ist denn nur los? Glavinic hat ein spannendes Gedankenexperiment gewagt: Er beschreibt, wie es ist, der letzte Mensch zu sein.

„Hallo! Jemand hier?“. Jonas steht auf dem Heldenplatz in Wien und ruft nach Menschen. Er ruft am Flughafen, am Bahnhof, bricht in Häuser ein. Er reist durch Europa. „Jemand hier?“ 400 Seiten später und Tausende Kilometer hinter sich steht Jonas genauso verlassen da wie vor seiner Suche.

Der Österreicher Thomas Glavinic hat ein Buch geschrieben über die Suche nach menschlichen Leben in einer verlassenen Welt. Die einzige Figur des Romans, Jonas, wacht eines morgens auf und die Welt ist eine andere. Die Zeitung liegt nicht vor der Tür, der Bus kommt nicht und bei Maries Handy geht nur die Mailbox dran. Im Internet ist die Verbindung tot. Kein Mensch, kein Tier ist da, mit dem er reden könnte. Kein Vogelzwitschern. Selbst einen Käfer kann er mitten im Sommer nicht finden. Kein Lebewesen, nirgendwo.

Irgendwie ahnt der Leser schon nach ein paar Seiten: Das kann nicht gut enden, mit Jonas, der nicht im Bauch eines Wals landet, aber irgendwie doch ähnlich verlassen ist, wie sein biblischer Ahn. Dieses Gedankenexperiment – allein zu sein mit sich selbst – ist ein altes. Doch Jonas ist ein moderner Typus und in einer angenehm sachlichen Sprache ist zu lesen, wie er mit dieser neuen Situation umgeht. Von Schwermut ist da ernst mal nichts zu spüren, das macht den Roman so lesenswert.

Jonas reist von Österreich aus durch ganz Europa, hinterlässt überall Notizzettel, mit Datum, Handynummer und Name. Ich war hier! Meldet euch! Jonas schreit in die Welt hinaus. Doch die Welt schweigt. Alles liegt vor ihm, als ob eine Atombombe gezündet worden wäre: Unberührt, aber menschenlos. Zum Essen bricht er in Supermärkte und Kneipen ein, er ernährt sich von Noch-Essbarem und Konserven. Er besorgt sich Waffen und Autos. Sucht Orte der Vergangenheit auf. Legt sich ins Bett seines Vaters, betrachtet Kinderfotos und lässt die Loveparade tonlos im Fernseher flimmern. Er geht auf dem Prater und in Restaurants, überall, wo er mit Marie war.

Marie, sein ganzes Glück, sie sucht er am verzweifeltsten. Schaut sie noch in denselben Himmel? Ist sie noch da? Doch nicht mal ihre Mailbox springt an, nicht einmal ihre Stimme auf Band kann er hören. Jonas bleibt nichts übrig, als in die Welt der Erinnerungen zu fliehen – einer Welt, in der noch Menschen lebten.

Wie lang kann ein Mensch mit sich allein sein, ohne das die Seele schaden nimmt? Vier Wochen, acht Wochen? Jonas hat Zahnschmerzen – zu welchem Arzt soll er gehen? Glavinics Jonas erträgt es nicht lange. Er spricht mit sich, schreibt sich selbst Karten. Nachts positioniert er überall in den Räumen Kameras und filmt sich im Schlaf, die dunkle Seite seines Wesens. Was er da sieht, die Arbeit in der Nacht, wie der Buchtitel lautet, das gefällt ihm nicht. Immer mehr versucht er durch Tabletten den Schlaf zu unterbinden. Der kalte Blick, sein zweites Ich in der Dunkelheit, treibt ihn um den Verstand.

Wenn ein Mensch stirbt, ist die Welt um ihn herum verschwunden. Wenn nur ein Mensch überlebt, dürfte es ähnlich sein, zeigt Glavinic. Die Welt wird immer kleiner, verschlossener, am Ende so eng wie in einer Holzkiste. Das merkt auch Jonas. Weshalb der Sprung vom Stephansdom, in den Armen ein Koffer voll Vergangenheit, am Ende das eigentlich Befreiende ist.
Thomas Glavinic: Die Arbeit der Nacht. Hanser Verlag 2006., 21.50 Euro

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