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Philip Roth: Jedermann

Endstation Leben

Von Nils Vollert

Der neue Roman des amerikanischen Autors Philip Roth „Jedermann“ ist eine morbide Erzählung über den Verfall eines Menschen, der auf seine ewige Jugendlichkeit hoffte. Wie immer überzeugt Roth’ anschaulicher und vielschichtiger Erzählstil, der sich von der ersten bis zur letzten Seite keinen Bruch und keine Ungenauigkeit leistet. Aber warum eigentlich eine Geschichte über „Jedermann“?

Vanitas vanitatum et omnia vanitas. Dieser Leitspruch der barocken Dichtung des 17. Jahrhunderts, der die Eitelkeit alles Irdischen behauptet, ließe sich als Wahlspruch auch dem neuen Buch des amerikanischen Autors Philip Roth voranstellen. Denn in dem 171 Seiten umfassenden Werk geht es weniger um das Leben als um den allmählichen, schleppenden Verfallsprozess eines amerikanischen Juden aus Newark. Schon der Titel des Romans „Jedermann“ suggeriert, dass die Erzählung über die Krankheiten und lebensbedrohlichen Stationen aus dem Leben des Protagonisten nicht einfach nur für sich stehen und den Leser etwa nichts angehen. Mahnend steht die übergeordnete Botschaft des Buches im Hintergrund, dass keine Jugend, keine menschliche Kraft, kein Leben ewig währe.

Schon der Beginn des Buches zielt darauf ab. „Jedermann“ eröffnet nämlich mit der Beerdigung von Roth’ Helden. Und genauso wie die Trauernden, seine Verwandten und Bekannten am Grabe stehen und von der schmerzlichen Erkenntnis „der Unabweislichkeit des Todes, die alles überwältigt“ heimgesucht werden, so erfährt auch der Leser diese Unumgänglichkeit. Der Tod erscheint nicht als das zufällige Produkt einer bestimmten Situation oder Krankheit. Er markiert den Anfang der Geschichte. Die Frage, wie es dazu gekommen ist, spielt in diesem Roman keine Rolle, Roth strengt sich nicht an, sie zu beantworten. Es gab in dem Leben des Protagonisten, der als gesund, sportlich und lebensnah beschrieben wird, zahlreiche Möglichkeiten, ins Jenseits befördert zu werden. Nach der Lektüre des Buches mutet es eher überraschend an, dass es überhaupt so lange gedauert hat, bis der Protagonist dahin schied.
Denn Roth schreibt eine Art Gegengeschichte, eine Erzählung aus dem Off. Eher beiläufig lässt er anklingen, dass seinem Protagonisten alle Veranlagungen zu einem erfolgreichen Leben gegeben sind. Erzählt wird diese Lebensgeschichte aber an den Stationen seiner Krankheiten, Krankenhausaufenthalten sowie den begangenen Fehlern, an den operativen Eingriffen der Ärzte und seiner Sehnsucht nach einem Familienleben, dass er nach drei gescheiterten Beziehungen nie hatte.

Jene Momente und Menschen im Leben des Protagonisten, die in der Rückschau als besonders lebendig und erfahrungsintensiv erscheinen könnten, wirken in dieser Perspektive morbide. Seine Affäre mit einem dänischen Modell in Paris gerinnt zum Zerwürfnis mit seiner Frau, der einzigen, die er wirklich liebte. Und seinen Bruder, der ihn stets unterstützte, verabscheut er schließlich, weil dieser, obwohl er dieselben erblichen Veranlagungen hat wie er selbst und der Ältere ist, nie krank wird.

Roth’ Roman „Jedermann“ ist eine willkommene Perspektive auf die Unausweichlichkeit des Todes in einer Welt, in der alles getan wird, das Altern und Sterben zu leugnen oder auszugrenzen. Doch Roth’ eigentliche erzählerische Brillanz lag zuletzt in seinen psychologischen Plots, den scharfen Charakterzeichnungen und dem erzählerischen Talent, dem Leser die Psychologie und das Wertesystem der handelnden Figuren in seinen Romanen auf schillerende Weise nahe zu bringen. Unvereinbar mit einem solchen Talent scheint allerdings die Geschichte eines „Jedermann“. Die suggestive Sogwirkung dieser wie immer brillant erzählten Geschichte hätte auf eine solche vergleichsweise platte, auf dem Silberteller servierte Botschaft verzichten können.

Der morbide Blick auf eine Welt der Schönheitsoperationen und Faltencremes schwingt in jeder Zeile des Buches mit. Und doch ist die so konkret und anschaulich erzählte Geschichte des Protagonisten vor allem eines nicht: eine x-beliebige, austauschbare, eine Erzählung über Jedermann. Wenn auch diese Wirkung des dünnen Buches nicht unbedingt erzielt wird, so handelt es sich wie eigentlich bei jedem Buch dieses amerikanischen Autors um einen großen Gewinn.

Philip Roth: Jedermann, Hanser 2006, Preis: 17,90 Euro

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