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John Banville: Die See

Ein alter Mann am Meer

Von Claudia Schuh

John Banville bekam 2005 für „Die See“ mit dem Man Booker Prize die bedeutendste englische Romanauszeichnung. Zu Unrecht, sagen einige, nicht nur weil der Autor mit Bildung hausieren gehe. In seiner Dankesrede sagte er damals, die Jury habe damit endlich ein Meisterwerk prämiert. Banville provoziert gerne.

Der Ire John Banville ist in der literarischen Welt kein Unbekannter. Mit seinem jüngsten Roman hat er das vierzehnte Buch vorgelegt – und endlich den Man Booker Prize gewonnen. Auch wegen seiner lyrischen Sprache: „Sie sind gegangen, die Götter, am Tag dieser eigentümlichen Flut. Den ganzen Morgen, unterm milchigen Himmel, war das Wasser der Bucht immer weiter angeschwollen, zu unerhöhter Höhe, und die kleinen Wellen krochen über den ausgedörrten Sand, der seit Jahren nicht mehr durchnässt worden war, außer vom Regen, bis an die Dünen krochen sie und leckten ihnen die Füße.“ So beginnt der Roman. „Sie sind gegangen, die Götter, am Tag dieser eigentümlichen Flut.“ Im letzten Kapitel erst wird klar, was damit gemeint ist. Wie vieles andere Teile auch sich erst nach und nach wie ein Puzzle zusammenfügt.

Die Götter, damit ist eine großbürgerliche Familie namens Grace gemeint, die im gleichen Dorf ihre Sommerferien verbrachte wie der Erzähler Max Morden in seiner Kindheit. Mutter Grace und Tochter Chloe waren für den kleinen Max „Göttinnen“. Am Lebensende spürt Max noch einmal seiner ersten Liebe nach. Parallel zu diesen Sommermonaten als Kind erzählt er das Sterben seiner kranken Frau Anna und die Rückkehr an den Ort seiner Erinnerung. Damit fügt er drei Erzählstränge aneinander.

Die Handlung von „Die See“ ist an sich wenig originell. Ein alter Mann verliert seine Frau, die einem Krebsleiden erliegt. Der Tochter fühlt er sich nicht nahe – erfolgreich sei sie, aber leider nicht hübsch wie die Mutter, stellt er in einem von zahllosen ausschweifenden inneren Monologen mit Bedauern fest. Auf sich allein gestellt geht er noch einmal an jenen Ort, an dem er einige unbeschwerte Sommer verbrachte. Erst durch die Begegnung mit „den Göttern“, die einer Art Initiationsritus gleich kommt, beginnt sein eigentliches Leben. Am Ende dieses Lebens angelegt, kehrt er zu den Anfängen, zur Villa „Zu den Zedern“, zurück. In irischen Küstendorf sucht er, „in den Trümmern der Vergangenheit zu leben“.

Nicht jeder Leser ist der Meinung, „Die See“ sei ein gutes Buch: Manche finden Banvilles Ton lächerlich-manieriert, andere wiederum grandios. Der Ton wird den großen Themen die das Buch behandelt, Eros und Thanatos, Erinnerung und Vergessen, allerdings durchaus gerecht. Und die kalte, nüchterne Figur des trauenden alten Mannes ist wunderbar geschildert.

John Banville: Die See. Aus dem Englischen von Christa Schuenke. Verlag Kiepenheuer & Witsch 2006, 218 S., 17.90€.

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