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: "You can't always get what you want"
Bret Easton Ellis: American Psycho"You can't always get what you want"Von Matthias Steuber“Abandon all hope ye who enter here…“. So beginnt Bret Easton Ellis’ Roman "American Psycho" mit seinem berühmten Protagonisten Patrick Bateman. Ein Buch übrigens, dass die Bundesprüfstelle für BlaBlaBla jahrelang indiziert hatte und erst seit 2000 wieder oberhalb der Ladentheken käuflich zu erwerben ist. Eine gute Sache für alle, die nicht davor zurückschrecken einzusehen, dass die Welt – hier New York der 1980er – auch ganz schon brutal und scheiße sein kann.
Dantes fiktive Inschrift über dem Eingang zur Hölle aus der "Göttlichen Komödie" passt ganz gut zum Schauplatz des Geschehens: New York irgendwann Ende der Achtziger. Zwischen AIDS-Angst, nouvelle cuisine, Koks und Nutten, Candlelight und Kaviar begegnen wir dem schwerreichen und schwerstgestörten Patrick Bateman: Juvenil, sonnengebräunt und wohlfrisiert könnte sich Patrick seines Lebens freuen. Macht er aber nicht. Stattdessen bringt er Leute um – bevorzugt junge Frauen. Aber auch Kinder, Taxifahrer, Kollegen und Tiere. Sein Leben läuft in immer den gleichen Schemata ab – von Ellis brillant inszeniert. Was aussieht wie der Menschgewordene amerikanische Albtraum, ist vielmehr ein Portrait einer Gesellschaft die alles hat, aber nichts erreicht. Obwohl wir Patrick Bateman drei Jahre lang von Mord zu Mord, von einer perversen Scheußlichkeit zur nächsten folgen, er nie bestraft, nie gefasst wird – sein Handeln nicht eine Sekunde lang hinterfragt – können wir ihn nicht verurteilen, haben sogar Mitleid, da Bateman trotz allem am Ende nichts bleibt. Wir erkennen, dass Bateman nur das Resultat, der Vollstrecker der Welt ist, die ihn umgibt. Ellis hat damit etwas sehr Seltenes erreicht: Er hat eine Figur erschaffen, die man nicht mögen kann und nicht hassen darf - und das Ganze noch bedrückend originell in Szene gesetzt. Keine Person in diesem Roman hat ein Gesicht, Eigenschaften, oder irgendetwas Besonderes an sich; alles ist austauschbar, solange es am richtigen Platz sitzt. Die Hülle siegt endgültig über den Inhalt. Bateman, der nur im Extremen leben kann, nur beim Töten Befriedigung findet, ist der perfekte Mörder, weil er keinen Grund zum Morden hat. Was er vernichten muss, ist die Beliebigkeit seiner Existenz. Sein Streben nach Perfektion, nach dem Triumph über andere, ist zugleich die Voraussetzung wie der Antrieb seines Untergangs. Ellis macht das ganz hervorragend, indem er sich an Motive hält, dem Buch eine Struktur gibt, die Batemans Wahnsinn greifbar macht: Die endlos wiederholten Monologe über die Kleidung der Protagonisten, die Preise der Einrichtungen von Wohnungen oder Essen, selbst die immer mehr fragmentierten Kapitel - nichts wirkt aufgesetzt, zu gewollt oder billig. Wie subtil Ellis dabei vorgeht, mag ein kleines Beispiel verdeutlichen. Als er von einem Fremden nach dem traurigsten Lied aller Zeiten gefragt wird, sagt Bateman sofort, ohne zu überlegen, „You can’t always get what you want“ von den Beatles. Ich erwähne das hier, weil es in einem einzigen Satz die doppelte Tragik der Figur Batemans offenbart: Mit der vermeintlich offensichtlichen Binsenweisheit der kommunizierten Message verbindet sich der grundlegende Irrtum über die Urheberschaft. Das ist genial. Punkt. Selbst die immerhin mehrseitige Beschreibung der Karriere von Whitney Houston mag man Ellis deshalb verzeihen. Ein Buch mit ganz viel Sinn: Lesen, auch wer den Film verständlicherweise nicht mochte! Bret Easton Ellis: American Psycho. Picador. 1991; Preis: ca 10 Euro
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DJ | 14.07.07 11:35 Uhr
Ja, schöne Rezension. Nur ein kleiner Schönheitsfehler: „You can’t always get what you want“ ist von den Stones, nicht von den Beatles. Im übrigen hat auch die "mehrseitige Beschreibung der Karriere von Whitney Houston" eine wichtige Funktion, nämlich den Nihlilismus der Gesellschaft herauszustellen, die nur noch hohle, oberflächliche, rein äußerliche Werte interessiert; die leere Plastikmusik der Plastikfigur Houston passt da halt sehr gut rein. Aber wie gesagt: sehr gute Rezension, sehr empfehlenswertes Buch, das tiefgründiger ist, als es auf den ersten Blick scheint.
Schmidt | 23.05.07 10:35 Uhr
Zitat:,,Ein Buch mit ganz viel Sinn: Lesen, auch wer den Film verständlicherweise nicht mochte!''
Markus | 19.12.06 12:29 Uhr
Sehr geehrter Herr Steuber, man kann Ihnen nur beipflichten in Ihren Ausführungen zu AP. Ich bin selber ein Fan dieses Buches, seitdem ich zu ersten Mal gelesen habe. Auch die deutsche Übersetzung, das sei noch angemerkt, kann als gelungen bezeichnet werden. Ich denke jedoch nicht, daß man Pat Batemen indifferent gegenübersteht. Man kann ihn, man wird ihn sogar mögen, wenn man sich durch die ersten 100-150 Seiten des Buches bewegt. Er verkörpert nunmal das Idealbild des späten 20. Jahrhunderts. Elegant, humorvoll, gebildet, eloquent und von seinen Kollegen respektiert (was nicht allen Nebendarstellern gelingt). Doch plötzlich kommt das andere Bild, das in seiner Ausprägung mehr als nur erschreckend ist. Die immer wiederkehrenden Gespräche und Motive (das Verwechseln von Namen, das J&B on the rocks usw.) inszenieren die Sinnleere des Lebens recht deutlich, reichen jedoch nicht aus, sein Dasein als armseelig abzutun.
Linder | 05.12.06 13:44 Uhr
Sehr geehrter Herr Steuber, schön, daß Sie AP wieder einmal empfehlend in's Spiel bringen. Ich möcht' auch nur in einem Punkt widersprechen: Von Batemans Untergang kann keine Rede sein (This is not an Exit). Er taucht denn auch in "Glamorama" wieder auf (auch eine Empfehlung) und in Lunar Park (wer beide Vorgänger gelesen hat, wird den nicht verpassen wollen). Mit freundlichen Grüßen! |
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