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Oliver Uschmann: Voll beschäftigt

Die Marke Hartmut

Von Nils Vollert

Abgefahren. Irgendwie krank – und doch saucool. So kommt der zweite Teil des Serienromans „Hartmut und ich“ von Oliver Uschmann daher. Die abgefahrenste Männer-WG im Ruhrpott ist wie eh und je „Voll beschäftigt“. Der Leser kommt auf seine Kosten, denn Lachen ist gesund. Und subversiv.

Der Leser hat nicht nur wie im ersten Werk des Musikjournalisten Uschmann jede Menge zu lachen, es bleibt ihm dieses Mal auch noch mit aller Regelmäßigkeit im Halse stecken. Denn solch groteske Szenen wie sie in „Voll beschäftigt“ heraufbeschworen werden, übersteigen die eigene Vorstellungswelt. Da wähnt man sich im falschen Film und ist doch im richtigen: im Hartmut-Film. Da werden nicht nur Punks bei öffentlichen Live-Konzerten in der Bochumer Innenstadt zum Scheißen gebracht – sie tun es auch noch für den Staat. Zeitreisen werden möglich und Studenten werden zu Menschen mit einem Arbeitsplatz. Oh ja.

Doch alles der Reihe nach: In der Männer-WG von Hartmut und dem Ich-Erzähler hat sich nicht viel verändert. Das Haus ist noch immer krumm, die Badewanne groß, die Playstation im Dauereinsatz und der Bierkonsum hoch. Dann hat Hartmut einen seiner folgenschweren Einfälle. Er gründet ein Institut zur Dequalifikation von Studenten, um die hochintellektuellen, aber arbeitslosen jungen Menschen ins Berufsleben einzugliedern. Fortan wimmelt es in der WG vor arbeitslosen Studis, die auf Homerentzug Rülpsen und Furzen lernen. Ganz nebenbei gewinnt Hartmut mit einer schrecklichen Erzählung den Ingeborg-Bachmann-Preis, und „Ich“ verliebt sich in eine Künstlerin mit roten Locken.

Hartmut und Ich ziehen groteske Menschen in ihren Bann. So zum Beispiel Mario, der allein von Praktika lebt, jede Nacht woanders schläft, kein eigenes Zuhause, aber Insider-Informationen über jedes Unternehmen in Deutschland besitzt. Oder sie begegnen einem Mann, der nächtlich von Binz nach München mit dem Zug zu seiner Arbeitsstelle pendelt: „Man muss heutzutage flexibel sein“. Der Mann lebt in den Nachtzügen der Deutschen Bahn, ein Wohnzimmer so groß wie Deutschland.

Die Figuren in Uschmanns Buch sind Indikatoren für mancherlei zeitgemäße Verrücktheiten und Untugenden. „Flexibilität“ beispielsweise ist ein zynischer und überstrapazierter Modeausdruck, den man in vielen Fällen mit „Ich-Erosion“ übersetzen könnte.

Klischees und überzogene Erwartungen an den Menschen von heute nimmt Uschmann auf und zeigt deren groteske Fratze. Wer das Spiel eingeht ohne die Spielregeln selbst zu bestimmen oder doch zumindest auf sie einzuwirken, der erodiert wie der seltsame Nachtpendler von Binz nach München, der jegliche Privatsphäre aufgibt. „Voll beschäftigt“ fordert Mut zur Authentizität. Dies löst der Roman literarisch ein.

Die Figuren aus den popliterarischen Werken eines Autoren wie Benjamin von Stuckrad-Barre beherrschen zwar das Spiel in der Marken- und Konsumwelt, sie reproduzieren es jedoch nur. Die von der Markenwelt und Reklame zur Verfügung gestellten Muster werden dem Leser serviert und bedient: der Öko, der Trekker usw. Hartmut und Ich dagegen mischen die Karten selbst. Was spricht dagegen, als Intellektueller Pur zu hören? Die in der Presse erzeugte Vorstellung der doofen Band mit blöden Texten und banalen Melodien, die Geschichte von „Hartmut-Engler-Doof-Im-Glück“ ist eine mediale Regel, der keiner folgen muss, wenn er nicht will.

Es gibt einen Text von Benjamin von Stuckrad-Barre über Hartmut Engler, dem Sänger der Band Pur. Darin belustigt sich Barre über die simple Struktur einer Band, die primär unterhalten will und zu keinem Zeitpunkt den Selbstanspruch gestellt hat, intellektuell zu sein. Das ist ziemlich leicht. Hartmut dagegen weint vor Freude während eines Pur-Konzertes kurz nachdem er den Ingeborg-Bachmann-Preis nach Hause getragen hat. Am nächsten Tag möchte man ihm in der Presse am liebsten den Bachmann-Preis aberkennen. Das ist popkulturelle Aufklärungsarbeit auf höchst unterhaltsamem Niveau.

Mit dem neuen Buch „Voll beschäftigt“ werden „Hartmut und Ich“ endgültig zur Serie, zu einem eigenen Markenzeichen. Das Buch trägt nicht wie noch das erste die ziemlich miese und falsche Assoziationen erweckende Aufschrift „Ein-Männer-WG-Roman“. Dieses Mal ist es „Ein-Hartmut-und-Ich-Roman“. Das entspricht genau dem eben beschriebenen Prinzip. Stereotypen werden nicht bedient, allenfalls selbst aus der Vielzahl des kulturellen Angebots produziert. Hartmut und Ich leben nicht in einer „Männer-WG“, sie leben in einer „Hartmut-und-Ich-WG“. Die Individuen bestimmen die Diskurse, nicht andersherum.

Die Marke Hartmut steht für Entertainment auf garantiert flachem Niveau. Witzig, pointenreich und mit dem Mut zur Zerstörung unhinterfragter Klischees. Hartmut ist subversive Unterhaltung. Danke Hollywood. Danke Hartmut.

Oliver Uschmann: Voll beschäftigt. Ein Hartmut-und-ich-Roman. Fischer Taschenbücher. 8, 95 Euro

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