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Judith Liere: "Hit-Single"

Hit-Singlechen

Von Johannes Gernert

Es gibt Journalistenbücher und Kolumnistenbücher. Dies ist ein Kolumnistinnenbuch. Judith Liere, Uni-Spiegel-Autorin, streckt ihre Single-Erlebnisse auf Romanlänge. Das ist unterhaltsam. Aber nicht unbedingt der Hit.

Es ist nun schon eine sehr lange Weile her, 1998 war das, da erschien ein Buch über einen jungen Menschen, der sich gerade von seiner Freundin getrennt hat. Der junge Mann war damit nur so halb glücklich. Das Buch hieß Soloalbum. Es war mithilfe von Oasis-Songtiteln in Kapitel gegliedert. Es war eine etwas andere Form des Schreibens damals. Man nannte das dann Popliteratur, und später die, öhöm, so genannte Popliteratur.

Es ist jetzt noch gar nicht so lange her, ein paar Wochen, da erschien ein Buch über einen jungen Menschen, der sich gerade von seinem Freund getrennt hat – oder andersherum. Die junge Frau ist damit nur so halb glücklich. Das Buch ist nicht mithilfe irgendwelcher Songs in Kapitel gegliedert. Es heißt Hit-Single. Irgendwie erinnert das natürlich an Soloalbum.

Beide Romane beginnen mit Mundinnenraum-Metaphorik.
Soloalbum: „Gleich stehen sie vor meinem Bett. Gronkwrömmm. Das klingt nach Kieferchirurg, schwerer Eingriff, Kasse zahlt kaum was zu.
Hit-Single: „'Da lag eine Zahnbürste im Briefkasten', sagt Laura. Ich starre auf die verbogenen rosa Borsten, die meine Mitbewohnerin in der Hand hält, und fange an zu heulen.“
Im ersten Fall soll die Tür aufgebohrt werden, weil im Innern der Wohnung der Verlassene vor sich hindeliriert. Im zweiten Fall trauert die Verlassene, weil der Verlassende die Beziehung endgültig per Zahnbürsten-Übergabe beendet hat. Abgesehen von solch peripheren, metaphorischen Überschneidungen, haben Soloalbum und Hit-Single sehr wenig gemeinsam. Benjamin von Stuckrad-Barre dient die gescheiterte Beziehung als Handlungsgerüst, auf dem der Protagonist herumturnt – von dem aus er, das ist das wichtigste, zutiefst unzufrieden die Welt beobachtet, und, ja, wirklich witzig kommentiert. Judith Lieres Protagonistin dagegen betrachtet nur das Gerüst, die Beziehungskapriolen und weniger die Welt. Ein schlechter Scherz sei erlaubt: das nennt man dann wohl Poppliteratur.

Cobra, bürgerlich Cornelia Brandt, hatte eine Affäre mit einem Italiener, wurde daraufhin von Tim verlassen, ist nun in einer WG gelandet, schläft gelegentlich mit manchmal auch tätowierten Männern, die sie in Diskos aufreißt, entführt Chihuahuas, um sich an Freundinnen zu rächen und versucht zwischendurch mit dem Studium fertig zu werden. Am Ende verliebt sie sich dann wirklich. Der Erzählton ist diesen Magazinen für Berufsjugendliche entliehen. Ihre vergnüglichen Kolumnen im Uni-Ableger des Spiegels haben ähnlichen Sound – und Inhalt. Nichts allerdings ist eins-zu-eins übernommen worden. Hübsch zu lesen alles, geht nicht tief. Muss ja auch nicht alles tief gehen immer.

Ihre Bett-Geschichtchen, und also auch diese, funktionieren als Identifikationsangebot. Man kennt das. Sex gerne, aber danach bitte nicht liegen bleiben. Hausarbeit nicht so gerne, dann lieber putzen. Das allerdings kennt man dann schon aus zu vielen studentischen Niederschriften.

Etwas störend auf das Lesevergnügen wirken sich auch die defizitären Dialoge aus. Die wörtliche Rede liest sich fast ausnahmslos so, als wären die Zitate für die Sprechblasen einer Foto-Love-Story entworfen. Als Cobra ihren sympathisch-psychopathischen Disco-Fick abserviert, deklamiert der, vermutlich mit Hand am Herz:
„Weiß du, Cobra, wenn ich jetzt beleidigt und verletzt reagieren würde, dann hätte ich doch gar nichts davon. Dann würde ich dich wahrscheinlich nie wiedersehen, und zwar nur wegen meines gekränkten Egos. Führt also zu nichts, außer, dass es mir schlecht geht. So aber akzeptiere ich einfach, dass du dich nicht in mich verliebt hast, und kann dich trotzdem weiter treffen. Und vielleicht denkst du ja irgendwann mal anders, das kann man ja nie wissen.“ So aber akzeptieren wir einfach, dass das alles auch ironisch zu lesen ist. Was von der Autorin sogar genauso gemeint sein könnte. Das kann man ja nie wissen. Oder?

Judith Liere: Hit-Single. Rowohlt Taschenbücher. 7,90 Euro

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