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Jonathan Safran Foer: Alles ist erleuchtet

Wie trübe Flecken

Von Heidrun Ochs

Welche Wahrheiten gelangen ans Licht, wenn man Ahnenforschung betreibt? Kommt man sich selbst auf die Spur? Es kommen trübe Flecken zum Vorschein, wenn man an der Oberfläche reibt und dunkle Kapitel der Vergangenheit bleiben dunkel, auch wenn man die Lampe der Erinnerung über sie hält.

Jonathan Safran Foer ist jemand, der sehr bewusst eine Geschichte konstruiert, allerdings auf eine sehr expressionistische Art. Zunächst erschafft er sich ein Gegenüber, den Dolmetscher Alex, der mit Großvater, Eltern und dem Bruder "Klein-Igor" in Odessa lebt. Die Familie unterhält ein Reiseunternehmen, das für reiche Amerikaner ukrainischer Abstammung Führungen im Land ihrer Vorfahren veranstaltet. Und so schreiben sowohl Alex als auch Jonathan den Roman.

Alex beschreibt die Reise gemeinsam mit Jonathan nach Trachimbrod, zusammen mit dem Großvater, der vorgibt, blind zu sein, eine herrliche Metapher dafür, nicht hinzusehen und es beim "blinden Fleck" in der Vergangenheit zu belassen. Auch die Blindenhündin Sammy Davis jr. jr. ist mit von der Partie auf dem Weg nach Trachimbrod und sie verliebt sich spontan in Jonathan.

Mit einem Foto, das die Aufnahme einer Frau zeigt, die seinen Großvater vor den Nazis rettete, sucht Jonathan den Ort Trachimbrod und er erzählt die Geschichte seiner Ahnen. Als Jonathan wieder in die Staaten zurückkehrt, beginnt ein Briefwechsel und so muss der Roman auf drei Ebenen gelesen werden. Da sind: Jonathans Geschichte, Alex Wiedergabe von den Ereignissen der Reise und eben die Briefe, in denen Alex die Möglichkeit erwägt, durch eine neue Geschichtsschreibung den Menschen besser zu machen, denn er ist bestrebt, ein guter Mensch zu sein.

Doch die Vergangenheit ist die Vergangenheit und Schwärze und Düsternis verwandelt sich auch bei genauem Hinsehen nicht in Licht. Und so gerät Jonathan Safran Foers "Alles ist erleuchtet" zu einem modernen Mythos, das zeigt schon der Beginn.

Aus dem Fluss Brod steigt eines Tages wie die Schaumgeborene die Ur-ur-ur-ur-ur-Großmutter Foers auf und sie wird den Namen des Flusses tragen. Und überhaupt, was sind das für Namen? Bitzl Bitzl R., die trauernde Schanda und nicht zu vergessen: Jankel, der sich des Babys annimmt, das zunächst im Tora-Schrank aufbewahrt wird. Allen Ernstes betreibt Foer die Familiengenealogie, indem er die Schöpfungsgeschichte des Alten Testamentes neu schreibt. Das ist unverkennbar, wenn im Chaos des strudelnden Wassers des Brod allerlei Dinge auftauchen, von denen man sich fragt, wie sie da hinein gekommen sind.

Später wird sogar mit der Sprache des Alten Testamentes operiert: Die Ahnenfolge von Ur-ur-ur-ur-ur-Großmutter bis zur Großmutter Zoscha erfolgt als: Jankel zeugte Trachimkolker, Trachimkolker zeugte ... u.s.f..

Auch die 613 Traurigkeiten, die Brod später in ihrem Tagebuch notiert, entsprechen der Anzahl der Ge- und Verbote in der Tora. Der Fund des Babys wird alljährlich mit einem Festumzug gefeiert, der in einem orgiastischen Gelage endet. Bunt geschmückte Wagen werden durch die Stadt gefahren, auf einem präsentiert sich Brod als mythische Meerjungfrau. Säcke werden in den Fluss geworfen und die Männer tauchen nach ihnen, denn einer der Säcke birgt den Schatz.

An ihrem 13. Geburtstag findet der Kolker den Sack mit dem Schatz, in dieser Nacht stirbt der Ziehvater Jankel und der Kolker nimmt Brod mit sich.
In der Mühle, in der der Kolker seinen Lebensunterhalt verdient, passieren regelmäßig Unglücke mit tödlichem Ausgang. Der Kolker selbst wird sechs Wochen nach der Hochzeit mit Brod von einem Sägeblatt getroffen, das sich aus seiner Verankerung gelöst hatte und verbringt nun sein Dasein mit einem Sägeblatt im Kopf und einem gespaltenen Ich. Brod bleibt bei ihm, an Zeugungsunfähigkeit leidet der Kolker Gott sei Dank nicht und so hat Brod drei Söhne, die allesamt Jankel heißen.

Nach seinem Ableben wird der Kolker in einer bronzenen Statue verewigt und diese fungiert, da Sägeblatt im Schädel, als Sonnenuhr, unter der alle heiratswilligen Männer späterer Generationen, so auch Foers Großvater, ihr Eheversprechen abgeben.

Und so repräsentiert die Uhr die Zeit, die unerbittlich vorübergeht und die Menschen suchen in all der Zeit ebenso unerbittlich nach Liebe und verlangen danach, denn Lebenssinn zu finden und letzten Endes gute Menschen zu sein.
Und so bleibt bei dem Versuch, die Geschichte noch einmal (neu) zu schreiben, doch wieder nur der Blick auf uns selbst, auf unser Versagen, auf Schuld und Verrat in dieser Geschichte und am Ende, ganz am Ende erhalten wir doch keine Antwort auf unsere Fragen, sondern der Strudel der Geschichte zieht uns hinab ins Chaos. Apokalypse. Aus.

Foer, Jonathan Safran: Alles ist erleuchtet, Fischer 2005. 9,90 Euro

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