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Ingeborg Schober: Poptragödien

Gescheiterte Helden

Von Annika Wind

In der Literatur und im Theater steht es für ein Trauerspiel, das Wort "Tragödie". Doch Ingeborg Schobers Versuch, kurzlebige Sternchen am Musikhimmel als Helden zu beleuchten, scheitert: Die vermeindlichen Schicksale von Falco, den Beach Boys und Kurt Cobain sind oberflächlich recherchiert und einseitig dargestellt.

Ein ehrgeiziger Vater drängt seine Söhne und einen Cousin ins Musikgeschäft. Als das große Geld da ist, verkauft er alle Musikrechte. Die "Beach Boys" scheitern, nicht aber ihre Lieder. Ein ähnliches Schicksal ereilte "Nico", Sängerin der New Yorker Band "Velvet Underground": Erst schrieb sie Welthits, dann zerstörte sie sich und ihre Schönheit mit Drogen.

Was Ingeborg Schober auf 189 Seiten als die "spektakulärsten Fälle von den Beach Boys bis Nirvana" verspricht, ist tatsächlich ein Trauerspiel. Konventionell und gähnend langweilig rollt die Musikjournalistin die Lebenswege von großen Ikonen wie Bob Geldof oder Kurt Cobain auf, beschreibt die steile Karriere von zweifelhaften Künstlern wie "Milli Vanilli", der Band, die in den 80er Jahren bekanntlich nie selbst zum Mikro griff, sondern andere für ihren Erfolg engagierte und zerrt längst vergessene Gestalten wie die singendene Nonne "Soeur Sourire" oder den Cellisten Leon Theremin (1896 - 1993) an die Bildoberfläche.

Der Reihe nach werden die Künstler - so unterschiedlich sie auch sein mögen - Kapitel für Kapitel abgearbeitet. "Ich wollte Pechvögel auf der schiefen Bahn des Lebens zeigen", schreibt Schober und widmet sich unglücklichen Kindheiten, bösen Geschäftsmännern und raffgierigen Ehepartnern.

"Soeur Sourire" alias Jeanine Deckers zum Beispiel, die wegen einer unglücklichen Liebe in ein Kloster floh, fast zufällig ihrem Bettelorden ein Lied widmete ("Dominque") und damit die Charts stürmte. "Wo waren die Schutzengel von Jeanine, die als Nonne und als Mensch zu gut und gutgläubig für diese Welt war?", fragt Schober ungläubig, dass eine so naive Nonne im Musikgeschäft schließlich scheiterte.

Schober lässt nichts aus, um die Tiefpunkte all dieser Karrieren, das Ende der kometenhaften Aufstiege zu erkunden. Gewissenhaft sucht sie nach den Schwachpunkten in diesen Biografien, um den Fall ihrer tragischen Helden zu begründen: Nach schicksalhaften Begegnungen, wie die zwischen Kurt Cobain und seiner erfolgssüchtigen Frau Courtney Love zum Beispiel. Oder die unglückseligen Zusammenkünfte der Eltern von Cobain, Falco oder gar Bob Geldof. Sie ließen sich schließlich scheiden und begründeten damit den späteren Abstieg ihrer Kinder, ganz so, wie es Schober beschreibt: "Die Ursachen der Konflikte, die zur Tragödie führen, liegen fast bei allen in der Kindheit und einer unstillbaren Sehnsucht nach Liebe", schreibt die Autorin gleich zu Anfang ihres Buches.

"Wie viele Scheidungswaisen gab Kurt sich die Schuld am Scheitern der Ehe", heißt es im Kapitel zum großen "Nirvana"-Star. Und gleich einen Satz weiter: "Und zwar, weil er Linkshänder war und folglich auch kein guter Sportler."

Zu solchen Sätzen muss wenig hinzugefügt werden. Sie sind ein einziges Ärgernis. Oberflächlich konstruiert die vermeidliche Musikjournalistin Kausalketten, die jeden echten Musikkenner auf die Barrikaden bringt. Inszenierte Cobain sich nicht etwa auch ein Stück weit selbst, war es nicht sein vermeindlich gescheitertes Leben, aus dem er Kreativität schöpfte?

Und was hat schließlich Bob Geldof in diesem Kreis zu suchen? Erstens: Mit seinem musikalischen Hilfsprojekt „Live aid“ schrieb der Sänger spätestens seit den 80er Jahren Musikgeschichte. Zweitens: Jüngst wurde Geldof für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen. Und drittens: Er lebt nach wie vor - eigentlich untypisch für den Helden einer echten "Tragödie".

Ingeborg Schober: Pop Tragödien. Die spektakulärsten Fälle von den Beach Boys bis Nirvana. Ueberreuter 2004, Preis: 17.95 Euro.

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