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Carole Glickfeld: HerzwehEin Leben ohne AberglaubenVon Heidrun OchsIn Carole Glickfelds Roman "Herzweh" hat sich Chenia Arnow in ihrem Leben gut eingerichtet. Ihre Ehe dümpelt so dahin, ihr Mann Ruben ein kleiner Gauner ist, der sich durch Prozesse in Versicherungsfällen zu bereichern versucht und der sie nach Strich und Faden mit Trudy Fleisch betrügt. Chenia selbst schöpft keinen Verdacht. Erst als sie, Mitte vierzig, ungewollt ein drittes Mal schwanger wird, setzt sukzessive ihre Selbstbefreiung ein.
Chenia Arnow hat sich in ihrem Leben gut eingerichtet, so scheint es. Ihre Ehe mit Ruben dümpelt so dahin und nichts fürchtet sie mehr, als durch den "bösen Blick" ins Unglück gestürzt zu werden. So hat sie ihre Rituale entwickelt, um das Unglück abzuwenden und sieht ihr wahres Unglück nicht. Ihr Mann Ruben ist ein kleiner Gauner, der sich durch Prozesse in Versicherungsfällen das ein oder andere Mal zu bereichern versucht und der sie nach Strich und Faden mit Trudy Fleisch betrügt. Chenia selbst schöpft keinen Verdacht, weil sie eben keinen Verdacht schöpfen will. Erst als sie, Mitte vierzig, ungewollt ein drittes Mal schwanger wird, setzt sukzessive ihre Selbstbefreiung ein. Zunächst versucht sie mittels Seilspringen bis zur völligen Verausgabung und Senfbädern eine Abtreibung herbeizuführen, später will sie ins Wasser gehen. War sexuelle Befriedigung ein Begriff, der bisher nicht in Chenias Vokabular vorkam und der ausschließlich auf Männer zutraf, entdeckt sie jetzt, dass sie selbst auch ein Anrecht darauf hat, glücklich zu sein. Sie kann sich aber nicht von Scham- und Schuldgefühlen frei machen, als sie ein Verhältnis mit Harry beginnt. Und das, obwohl ihr Mann seinerseits jetzt auch noch die vermögende Betha Landau beglückt (oder diese ihn?). Chenia beginnt verstärkt über ihr Lebensglück nachzudenken. In dem Augenblick, als sie meint, die richtige Entscheidung getroffen zu haben, erläutert ihr Harry, dass es ein gemeinsames Glück mit ihm nicht geben kann. Chenias Welt zerfällt in Scherben. Devorah, das ungewollte Kind, trägt die Narben davon, als ihre Mutter ihren Traum vom anderen Leben mit einem Wurf nach Harry beendet, das Glas zerschellt und Devorah von den umherfliegenden Splittern verletzt wird. So bleibt scheinbar nur der Rückzug ins altgewohnte Leben, doch hier wendet das Schicksal in Form von Sofie Verboloich das Blatt. Chenias älteste Tochter Mimi begleitet die gebrechliche alte Frau mit der viel zu schweren Tasche nach Hause, leistet ihr viele kleine Dienste und vor allem Gesellschaft. Sofie ist eine reiche Witwe, hat keine Kinder und revanchiert sich bei Mimi auf ihre Weise. Sie vererbt Mimi einen Schrank, in jeder Schublade stecken Kuverts, angefüllt mit Geldscheinen: Ein kleines Vermögen, das es Chenia ermöglicht, der materiellen Abhängigkeit, Lieblosigkeit und auch dem aufgezwungenen Lebensstil ihres Mannes zu entfliehen. Zuvor aber muss Chenia noch Sühne leisten, sie fährt zum Strand, an dem sie Harry zum ersten Mal begegnete und das Meer verweigert sich ihr zum zweiten Mal. Chenia begreift, dass sie ihr Leben in die eigene Hand nehmen und dem "bösen Blick" Stand halten muss. Ben, ein Verwandter Sofies, und seines Zeichens Anlageberater, fädelt es geschickt ein, Chenia, die er in Gelddingen berät, mit seinem Onkel Sol Farber bekannt zu machen. Nach der Scheidung von Ruben heiratet sie Sol und führt mit ihm ein Leben in Symbiose, das ihre Töchter Devorah und Mimi im Nachhinein als glücklich bezeichnen. Bemerkenswert an diesem Buch ist, wie sehr die Autorin Glickfeld die Bedeutung von Kunst immer wieder hervorhebt. Denn sowohl Harry als auch Sol wecken in Chenia das Verlangen, in die schöne Welt der Kunst und der Musik einzutauchen. Und es ist schon besonders, Musik und Kunst mit den unverbildeten, unbedarften und hungrigen Augen Chenias zu betrachten. Carole Glickfeld: Herzweh, suhrkamp taschenbuch, Frankfurt am Main 2003, 10 Euro.
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