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Moritz Bleibtreu gibt wieder einen Wichser

Elementares in Teilchen

Von Franziska Seewald

Oskar Roehler hat Michel Houellebecqus Roman „Elementarteilchen“ verfilmt. Es ist ein Liebesfilm mit Mut zu lieblosen Momenten geworden. Und mit einem physisch überwältigenden Moritz Bleibtreu, der für die Rolle auf der Berlinale einen Silbernen Bären bekommen hat.

Der Molekularbiologe Michael (Christian Ulmen) erforscht die Möglichkeit der ungeschlechtlichen Reproduktion des Menschen, er selbst hat keine Sexualität. Nur mit der fernen Erinnerung an seine Jugendliebe Annabell lebt er als großstädtischer Eremit, wie eine Membran verschließt er die Fenster seiner Wohnung vor den Geräuschen der Außenwelt. Michaels Halbbruder Bruno (Moritz Bleibtreu) hingegen, gefangen in einer zellulitisreichen Ehe, redet unentwegt vom Ficken, auch er hat keinen Sex. Unvermittelt werden beide mit der Unwirklichkeit ihrer Lebenskonzepte konfrontiert, denn Michael wird erneut Annabell begegnen und Bruno in einem Nudistencamp auf die seelenverwandte Christiane treffen. So nimmt die Sinnsuche im Leben beider Halbbrüder eine unerwartete Wendung …

Oskar Roehler arbeitete in seinen früheren Filmen „Die Unberührbare“, „Alter Affe Angst“ und „Agnes und seine Brüder“ mit einem immer wiederkehrenden Ensemble an Schauspielern, für „Elementarteilchen“ jedoch rekrutierte er den FC Hollywood des deutschen Films, neben Franka Potente, Martina Gedeck, Tom Schilling und Nina Hoss brillieren auch Herbert Knaupp und Uwe Ochsenknecht.

Vor allem die schauspielerische Leistung von Moritz Bleibtreu sticht hervor, zu Recht zeichnete ihn die diesjährige Jury des Festivals mit dem Silbernen Bären für den besten männlichen Darsteller aus. Er gibt dem in der Romanfassung Michel Houellebecqs sexistisch gezeichneten Bruno menschliche Konturen, lacht, weint, schreit und zittert mit einer physischen Präsenz die überwältigend ist.

Nicht nur das Figurenkonzept betreffend sondern auch insgesamt weicht die Verfilmung mit wohltuender Courage und Neugier von der Romanvorlage ab, der Film beschneidet die Vorlage seines Stoffes vor allem um das Pornographische sowie vertiefende Versatzstücke gesellschaftstheoretischer Fragestellungen. Vielmehr verfährt Oskar Roehler erzählfixiert und trotz Ensemblecharakter des Films mit äußerster Konzentration auf seine Figuren. Vor allem die Halbbrüder Bruno und Michael ergänzen sich ganz natürlich zu einer schizophrenen Fantasie des Menschseins, wie eine augenzwinkernde Referenz auf den saisonalen Seufzer der deutschen Dichtung: Die Zerrissenheit zwischen Körper und Geist.

Soundtrack und Dialoge von „Elementarteilchen“ betten das Schicksal der Figuren öfter als erwartet in eine überaus heitere Atmosphäre, die Erzählung verfolgt die Figuren nicht bis zur Endstation ihres Seelenlebens oder gar in den Tod. Im Gegensatz zu frühen Filmen Oskar Roehlers und auch der Romanvorlage Houellebecqs wird der Zuschauer mit einem wohltuend winzigen Lichtblick aus dem Kino entlassen.

Reflektiert man die Choreographie, mit der „Elementarteilchen“ seine Figuren aus ihrer Tristesse zueinander finden lässt, die Anmut, mit der sie trotz aller Seelenkrüppelei fähig sind, einander zu begegnen, so entsteht im Kern ein Liebesfilm mit Mut zu lieblosen Momenten.
Oskar Roehlers Talent, das Schmerzvolle ebenso lakonisch zu nehmen wie das Lyrische, erschafft einen gelungenen Schlussakkord der diesjährigen Berlinale.

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