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Sally Potters "Yes"

Poetische Dreckberaterin

Von Annika Wind

Es hätte ein erotischer Liebesfilm werden können. Doch statt eines sinnlichen Beziehungsporträts ist Sally Potters "Yes" nicht mehr als ein pathetischer Film über das Ende einer Ehe und das immerwährende Spiel zwischen Frau und Mann.

Simon Abkarian und Joan Allen in "Yes"

Betrug hinterlässt Spuren. Ein verdächtiges Haar auf der blütenweißen Bettwäsche oder ein fremdes Parfum auf dem Mantel. In Sally Potters Kinofilm "Yes" ist es nicht die Ehefrau, sondern ihr Dienstmädchen, das die gescheiterte Beziehung als erstes bemerkt. Aufmerksam beobachtet und kommentiert die fleißige Putzfrau (Shirley Henderson) das veränderte Eheleben ihrer Arbeitgeber, nicht immer zur Freude des Zuschauers.

Es hätte ein erotischer Liebesfilm werden können. Doch statt eines sinnlichen Beziehungsporträts ist "Yes" nicht mehr als ein pathetischer Film über das Ende einer Ehe und das immerwährende Spiel zwischen Frau und Mann geworden: Kaum hat "Sie", eine erfolgreiche Mikrobiologin (Joan Allen), vom Seitensprung ihres Mannes Anthony (Sam Neil) erfahren, lernt sie "ihn", einen libanesischen Koch (Simon Abkarian) kennen. Was der ignorante Ehemann seit einigen Jahren praktiziert, macht sich nun auch die betrogene Ehefrau zu eigen. Mit Hilfe ihres exotischen Liebhabers findet die attraktive Wissenschaftlerin ins Leben zurück.

Zwei Großstadtmenschen auf der Suche nach sich selbst, das ist der Plot, den Potter ("Orlando") in "Yes" verarbeitet. An der Seite ihres neuen Liebhabers, der in Beirut als Chirurg arbeitete und in England nun als Koch rohes Fleisch seziert, entdeckt die schöne Akademikerin ihre sinnlichen Seiten neu. Doch schnell gerät das Verhältnis an ihre Grenzen. Der kluge Koch fühlt sich in England nicht akzeptiert. Weder von seiner neuen Liebhaberin, noch von seinen Kollegen, die ihn stets nur als Ausländer sehen.

Wie schon in "Orlando" inszeniert die Regisseurin ihren neuesten Streifen als poetisches Kunststück. Durchgehend diskutieren hier die Akteure in Reimform, sämtliche Dialoge hat die Drehbuchautorin in jambischen Versen erfasst. Doch was auf Theaterbühnen Poesie verbreitet, wirkt im Film aufgesetzt. Nicht zuletzt durch die etwas holprige deutsche Übersetzung verbreiten die eigentlich ernst gemeinten Dialoge oftmals Erheiterung.

"Yes" ist ein Film über kulturelle Vorurteile und der Suche nach Sinn und Identität. Aufwendig und langatmig verhandeln die unterschiedlichen Protagonisten ihre Standpunkte: Die Putzfrau kommentiert als "Kosmetikkünstlerin und Dreckberaterin&" in langatmigen Monologen die Hinterlassenschaften ihrer Arbeitgeber. Jedes Haar und jedes Staubkorn, das ihr verdächtig erscheint und an Betrug erinnern könnte, wird beurteilt. Das Liebespaar hingegen diskutiert über kulturelle Unterschiede, während die schöne Akademikerin ihrem Ehemann nur noch wenig zu sagen hat. Am blank polierten Esszimmertisch sitzen sich die Eheleute gegenüber und schweigen sich an.

Dicht gefolgt von der Kamera beleuchtet Alexej Rodionov die Akteure aus nächster Nähe. Ob die Putzfrau in der leeren Badewanne oder der ausgelassene Koch auf dem Küchentisch: Von allen Seiten, nicht selten aus ungewöhnlichen Perspektiven, ist Potter ihren Darstellern auf den Fersen. Doch im Gewirr der unterschiedlichen Beziehungen und Probleme, die nebeneinander gezeigt werden, verläuft sich der Film in einem moralisierenden Lehrstück. Statt sich auf einen Konflikt zu beschränken, statt eine dieser zahlreichen Beziehungen zu beleuchten, spricht Potter zu viele Handlungsebenen an.

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Die neuesten Kommentare


angela | 19.11.08 17:58 Uhr

ich war überhaupt nicht einverstanden mit der rezension. es war keinesfalls nur ein beziehungs-u.erotikfilm. ich habe ihn 2xhintereinander gesehen und war über das vermass erstaunt und entzückt. und die szene der alten frau ---ihr resümee des lebens und sterbens. hervorragend. der film ist mehr als erotik!bei weitem.

anton_beat | 13.02.07 11:57 Uhr

Da ist eigentlich eine komplette Gegendarstellung fällig, was den Rahmen eines Kommentares jedoch sprengen würde.
Nur soviel, der Film war das intensivste was ich seit Jahren auf der Leinwand gesehen habe. Völlig zu Unrecht kaum beachtet, empfehle ich jedem diesen Film zu sehen.
Der Film stellt auf vielschichtige Weise dem aktuellen allgemeinen Misstrauen und "Clash of cultures" zwischen arabischer und westlicher Kultur, die kleinste Einheit menschlicher Kultur gegenüber. Das Paar und den Dialog. Die gewählte Form, ein Liebesfilm, könnte pathetisch sein, wird jedoch immer wieder gebrochen.
Zum einen durch das Versmaß, dass dem englischen Original eine unglaubliche Sprachgewalt gibt. Die deutsche Übersetzung ist ok.
Zum Zweiten durch das Szenenbild und die Kamera die meisterhaft, so unglaublich schöne und kristallklare Bilder liefern. Dies führt dazu dass der Film nicht einen Moment auf eine "erotische Liebesgeschichte" reduziert werden kann, sondern die Vielzahl an angeschnittenen Themen zusammengehalten werden.
Die Hauptdarsteller, aber auch nahezu jede Nebenrolle, liefern oscarreife Leistungen.
Neben der wunderbar erzählten und sehr erotischen Liebesgeschichte, sticht eine besonders heraus. Gezeigt wird der Tod der alten Tante von "Ihr". Die alte Frau hält einen Monolog, der das mit Abstand Beste ist was ich je zum Thema Sterben im Film gesehen habe.
Auch darum: unbedingt anschauen!

P.S Nur am Rande, der Film spielt keineswegs in England sondern in New York.



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