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Franz Kotteder: Die Billig-LügePreisdruck auf die HähnchenbrustVon Johannes GernertFranz Kotteder klagt an. „Die Billig-Lüge“ heißt sein Buch und es soll die „Tricks und Machenschaften der Discounter“ offen legen. Aber der Autor oder der Verlag - sie schwindeln selbst ein bisschen auf dem Etikett. Dabei wäre das gar nicht nötig: Kotteder hat genug zu sagen.
Wesentlich mehr jedenfalls, als die billigen Schlagworte auf dem Buchcover andeuten: „lebensgefährliche Angebote, schlechte Qualität, Preistricksereien“. Falsch ist nichts von alledem, aber es handelt sich um besonders brisant betonte Einzelaspekte. Natürlich sind manche der Billigangebote bei Aldi, Lidl und Plus nicht so hochwertig, wie sie zu sein scheinen. Natürlich werden Eier bisweilen falsch deklariert. Sicherlich wurden Preise schon einmal erhöht, um dann großspurig einen ordentlichen Rabatt herunterzuschlagen. Im Grunde aber geht es um Grundsätzlicheres. Das ist schließlich auch Kotteders tragende These. Jedes Ding hat seinen Preis. Und wenn es den nicht mehr hat, stimmt irgendwo irgendetwas nicht mehr. Dann werden Arbeiter unterbezahlt. Seien es die Lidl-Verkäuferinnen, die die Filialen außerhalb ihrer Arbeitszeiten sauber schrubben müssen oder die Kinderarbeiter auf afrikanischen Kakaoplantagen. Oder es werden ganze Küstenlandschaften für die Garnelen-Produktion zerstört. Zulieferer machen dicht, weil Aldi von heute auf morgen beschließt, ein bestimmtes Produkt aus dem Sortiment zu nehmen. Oder überfütterte Zuchthähnchen kippen vornüber und siechen dahin, weil ihnen das köstliche Brustfleisch fett gemästet wurde. Das sind wahllos herausgegriffenen Konsequenzen des Billighandels. Sie sind jede für sich genommen schon eine Weile bekannt. Aber Kotteder erklärt sie nun zu einem System und erklärt sie als System. Weil bei Aldi, Lidl, Wal Mart und Saturn das Angebot am geilen Geiz ausgerichtet wird, entsteht ein enormer Preisdruck, der von den Billigläden weitergeleitet wird bis irgendwann dem Brathendl beinah die Brust platzt oder der Aldi-Verkäuferin der Kragen. Das Grundrezept des Billigheimertums kann alleine nicht für die Dauerniedrigpreise sorgen. Es ist auf seine schädlichen Nebenwirkungen angewiesen. Eine kleine Produktpalette und der Einkauf im großen Stil, die mehr als schlichte und immergleiche Ladeneinrichtung, die Umetikettierung von Markenware zu Erschwinglicherem, das harte Verhandeln mit Zulieferern, das alles gehört zum Geschäftskonzept. Ohne die überfette Brathähnchenbrust und die unterbezahlten Kakaokinder jedoch würde dieses Konzept nicht aufgehen. Wenn sich nun aber der Glaube durchsetzt, es gebe ein gesellschaftliches Grundrecht auf beständig billige Angebote, ist diesem System kaum mehr beizukommen. Dem Käufer fehlen Überblick und Preissensibilität. Er weiß ja gar nicht genau, was da für ihn alles angerichtet wird. Wenn er es allerdings einmal etwas genauer wissen möchte, kommt es auch vor, dass Discounter ihr Einkaufsverhalten ändern. Aldi werde sich in Zukunft um ein allseits akzeptiertes Siegel für seine Tropenholzmöbel bemühen, verkündete der Konzern, nachdem Umweltschützer vor mehreren Filialen demonstriert hatten. In vielen anderen Fällen aber, gerade, wenn es um Arbeitnehmerrechte geht, stellen sich die Discounter-Leitungen auch langfristig stur. Deshalb überzeugt Kotteders halbversöhnlicher Aufruf zur Gegenaktion zum Schluss nur bedingt. Einem voll mündigen Verbraucher, der gewissenhaft die Herkunft der (Billig-)Produkte hinterfragt, bliebe angesichts des düsteren Szenarios wenig Zeit für anderes. Franz Kotteder: Die Billig-Lüge. Die Tricks und Machenschaften der Discounter, Droemer/Knaur 2005, Preis: 18,00 Euro.
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Tom | 19.07.07 18:05 Uhr
Solange die Löhne weiter sinken oder im besten Fall stagnieren und sämtliche Sozialsysteme ausgeschlachtet und privatisiert werden, solange kann sich auch nix dran ändern, das die Leute immer billiger einkaufen müssen (nicht unbedingt wollen). Die Hühnerfleischproduktion ist seit Anbeginn ein einziger Skandal, das passiert völlig ohne Discounter. Oder glaubt jemand ernsthaft, die Hühner im Einzelhandel werden von Hand gemästet und entschlafen sanft auf blühenden Wiesen, bevor sie zerhäckselt werden?
Martin | 28.12.05 01:02 Uhr
Kotteder klagt die Falschen an! |
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