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Frank Goosen: Pink Moon

Milieustudie mit Tiefgang

Von Nils Vollert

Mit "Pink Moon" beweist Frank Goosen, dass er mehr als komische Plots bereithält. Die Meinungen über den Ruhrgebietsautor gehen jedoch auseinander: Während Nils Vollert ihn als herausragenden Erzähler lobt, bemängelt Michael Minarzik die fehlende Stringenz der Handlung. Eine Doppelrezension.

Schon nach den ersten Sätzen vergeht dem Leser des neuen Werks vom Starkomiker Frank Goosen das Lachen. Der Verdacht stellt sich sofort ein und bleibt über die gesamte Lektüre hartnäckig haften: Das ist ja gar nicht lustig! Wer Goosen mehr als Komiker und Thresenleser denn als ernst zu nehmenden Schriftsteller betrachtete, den straft „Pink Moon“ Lügen. Frank Goosen ist ein hervorragender Erzähler.

Als Jim Carrey nach Filmen wie „Ace Ventura“ oder „The Mask“ plötzlich ernst machte, da schienen viele seiner Fans das zunächst als seinen gelungensten Gag betrachten zu wollen. Das Ergebnis war „The Truman Show“, eine medienkritische Tragikkomödie mit einem überzeugenden Jim Carrey in der Hautprolle. Carrey, der seine Schauspielkunst nie auf die komischen Rollen beschränkt sah, hatte sich mit diesem einen Film von seinem Image als tierischer Detektiv freigeschwommen. Es folgten herausragende Filme wie „Man on the Moon“ oder „Eternal Sunshine of the Spotless Mind“ (zu deutsch: „Vergiss mein nicht“), die den Eindruck aus „The Truman Show“ stets bestärkten: Carrey ist mehr als ein Komödiant.

Vergleichbares könnte dem Ruhrgebietsautoren Frank Goosen mit seinem dritten Roman „Pink Moon“ gelungen sein. Natürlich: Wer den flockigen Stil Goosens mit überschäumendem Wortwitz und geballter Situationskomik erwartet hatte, dem wird die Lektüre der ersten Seiten nicht ganz einfach fallen. Schon der erste Satz gibt bedeutungsschwer die Richtung an: „Ich sah meinen Vater erstmals neunzehn Jahre nach seinem Tod.“ Um existentielle Themen soll es gehen, um die Suche eines jungen Mannes nach seinem Vater, den er niemals kennengelernt hat, um den Versuch, sich mit einer nie richtig verstandenen Vergangenheit auszusöhnen.

Felix Nowak, der Protagonist des Romans, ist Besitzer des edlen und anerkannten Restaurants Pink Moon. Doch eigentlich steht er dort nur im Weg: Sein alter Mitschüler Walter hatte die Idee mit dem Restaurant und Felix besorgte von seiner Mutter das nötige Geld, um die Idee zu realisieren. Seitdem läuft der Laden und gilt als anerkannte Adresse in der Stadt, aber nur, weil Walter sein Handwerk beherrscht. Felix verbringt seine freie Zeit, von der er folglich viel hat, damit, sich mit den Ausgestoßenen und Freaks der Stadt zu beschäftigen. Er zieht diese Menschen an, so glaubt er selbst, wie ein Magnet das Metall. Da gibt es Renz, den schrulligen Nachbarn oder Maxima, die ihn um Geld anpumpt. Alles heruntergekommene Personen, die Felix oftmals mit Distanz beobachtet, von denen er sich unterscheiden will. Das ändert allerdings nichts daran, dass sich diese Menschen zu ihm hingezogen fühlen, weil er ihnen zuhört. Felix lernt Evelyn kennen, in die er sich vielleicht verliebt, und er sucht seinen Vater, über den seine Mutter nie viel reden wollte und es nun nicht mehr kann. Das Gefühl, dass es so nicht mehr weitergehe, flammt in ihm auf, und tatsächlich, der Schluss des Buches ist wie ein ein altes Mauerwerk, das endlich zusammenbricht. Neue Wege für den Protagonisten kann der Leser höchstens erahnen oder erträumen, aber die hartnäckige Vergangenheit ist für Felix schließlich vergangen.


Frank Goosens Roman „Pink Moon“ ist eine gelungene Milieustudie. Mit den wachsamen Augen des Protagonisten erzählt sie die Geschichten verkappter Existenzen, die verzweifelt ihren Weg durch die Straßen des Ruhrgebiets suchen und dabei keine bleibenden Spuren hinterlassen. Frank Goosen hat diese Spuren aufgedeckt. Er richtet den Blick auf die unsichtbaren Stadtbewohner, die an jeder Straßenecke stehen und die in aller Regel ignoriert werden. Er macht sie sichtbar, ohne zu moralisieren, ohne eine Verantwortung zu übernehmen.

Im Grunde bleibt Goosen damit seinen Themen seit „Liegen lernen“ treu. Nur der Stil ist ernster geworden, schwermütig. „Pink Moon“ erinnert nicht mehr an einen Nick Hornby. Es erweckt andere Assoziationen:

Regen und Whiskey und Winternebel im Park
Nachmittage in der Interzone der Infernos
allein mit dem Radio und weit weg mit Erinnerungen
und manchmal mit Lili Marleen.

Frank Goosen: Pink Moon. Eichborn. 19,90 Euro

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