| |||||||||||||
|
Sie sind hier: Besprochen
: Belletristik
: Der alte Herr Lehmann
Frank Goosen: Pink MoonDer alte Herr LehmannVon Michael MinarzikFrank Goosen lässt in seinem neuen Roman „Pink Moon“ eine Freakshow sondergleichen auflaufen. Bei all seiner Vorliebe für Verrückte hat der Bochumer Autor allerdings ein bisschen den Sinn für die Handlung verloren.
Auf Frank Goosen machte mich vor einigen Jahren ein Freund aufmerksam. „Liegen lernen“ war gerade im Kino gelaufen, und ich wusste bis zu diesem Zeitpunkt nicht, dass es eine ziemlich geniale Romanvorlage gab. Damals wurde Frank Goosen berühmt und Experte für alles was gutbürgerlich Deutsch ist. Die Geschichte des kleinen Helmuts in „Liegen lernen“ war noch originell. Das originellste des Nachfolgebuchs „Pokorny lacht“ war sein glitzernder Umschlag, und den vergangenes Jahr erschienen Erzählband habe ich deshalb erst gar nicht angerührt. Nun also „Pink Moon“, die Geschichte des Restaurantbesitzers Felix Nowak, der eine schlimme Kindheit mit vielen Vätern hatte und eines Tages seinen richtigen Vater auf der Straße sieht. Bis sich Nowak auf die Vatersuche machen kann, vergehen allerdings 250 Seiten, auf denen Nowak versucht, sein Leben in den Griff zu bekommen. Jede Randgruppe kriegt in „Pink Moon“ ihr Plätzchen: geistig Behinderte, Obdachlose, Schwule, ein SM-Fan und sogar ein Pädophiler machen Felix Nowak das Leben schwer. Da ist zum Beispiel sein geistig verwirrter Nachbar Renz. Der bricht eines Tages in Nowaks Wohnung ein, weil er so einsam ist. Nowak bleibt cool, als er den seltsamen Nachbarn heulend in seinem Wohnzimmer hocken sieht. Nowak hat ein Herz für Irre, was vielleicht auch an seiner bewegten Kindheit liegen mag. Deshalb lässt er das Rendezvous mit seiner neuen Freundin sausen. Statt dessen fährt er Renz in seinem Auto herum – zuerst zu seiner alkoholkranken Mutter, dann zu seinem verwahrlosten Vater. Renz ist für Nowak so etwas wie ein Spiegelbild: So hätte es ihm auch gehen können, wenn er sich nicht durchs Leben gekämpft und mit etwas Glück ein gut gehendes Restaurant aufgebaut hätte. Denn Nowaks Kindheit war alles andere als rosig, zeigen die zahlreichen Rückblenden: Der ständige Partnerwechsel der Mutter und das Leben in Armut und Einsamkeit haben Nowak abgehärtet. Auch als der großkotzige Schlossbesitzer Bludau Mutter und Sohn aus ihrer kleinen Wohnung holt, wird es nicht besser: Bludau feiert im Keller Orgien und schlägt die Mutter, hinterlässt ihr nach einem Herzinfarkt aber wenigstens ein kleines Sümmchen. So zeigt sich für Nowak, dass alles Schlechte auch ihr Gutes hat: Das „Pink Moon“ finanziert ihm die Mutter mit Bludaus Erbe. Nach zwei gutbürgerlichen Familiengeschichten mit viel Augenzwinkern ist „Pink Moon“ Goosens erster ernster Roman geworden. Erzähler Felix Nowak könnte man sich gut als alternden Herrn Lehmann vorstellen – früher als Bierzapfer in Berliner Kneipe, heute in einem In-Restaurant im Ruhrgebiet. Nur bleibt bei allen bunten Randfiguren die Hauptfigur Nowak merkwürdig blass. Allein sein Name steht für Langeweile: „Nowak“ taucht in polnischen Telefonbüchern so häufig auf wie „Schmitz“ oder „Müller“. Ein Allerweltsmensch also, der normaler und unauffälliger nicht sein könnte. Und vielleicht ist Felix Nowak auch so etwas wie ein moderner „Mensch ohne Eigenschaften“. So fragt man sich beim Lesen ständig, was Felix Nowak eigentlich den ganzen Tag zu tun hat außer in Cafés herumzusitzen und Irre in der Gegend herumzufahren. Sein Restaurant wirft auch ohne ihn genügend Kohle ab, und kochen kann Nowak auch nicht. So bleibt ihm genügend Zeit zum Aufräumen in seinen Kindheitserinnerungen. Und in ihm reift die Idee, dass sein wahrer Vater vielleicht doch noch lebt, auch wenn die Mutter ihn für tot erklärt hat. Es wäre schön gewesen, wenn Frank Goosen auf diesen Handlungsstrang ein bisschen mehr Energie verwendet hätte. Denn das ist die große Schwäche des Romans: Das Chaos in Nowaks Leben stimmt mit dem Chaos in Frank Goosens Schreiben überein. Goosen versucht zwanzig verschiedene Geschichten in eine zu packen. Das ist einfach zuviel für 300 Seiten. Frank Goosen: Pink Moon. Eichborn. 19,90 Euro
Das könnte Sie auch interessieren:Die neuesten Kommentare |
|
||||||||||||
|
|||||||||||||